Reise: Lissabon

Der Klang einer Stadt

Lissabon: Um die Schönheit von Portugals Hauptstadt hautnah zu erleben, brauchen Sie keinen Reiseführer. Sie müssen nur genau zuhören …

Es ächzt und quietscht. Langsam klettern die Eléctricos, nostalgische Straßenbahnen aus der Zeit um 1900, die Hügel der Altstadt Alfama hinauf. Die Strecke der Linie 28 (Martim Moniz-Prazeres) schiebt sich durch enge, verwinkelte Gassen, führt vorbei an kleinen Plätzen und schmalen Häusern. Manchmal sogar so nah, dass man den Bewohnern im Vorbeifahren in die Stube schauen kann. Vor den Fenstern hängt Wäsche zum Trocknen, und leuchtend rote Gera­nien ranken über die Brüstungen. Verändert hat sich hier nicht viel. Außer vielleicht die Geräusche im Hintergrund. Autohupen, das Surren von Klima­anlagen und die Stimmen der vielen Menschen in den Straßencafés sind in den letzten Jahren lauter geworden. Das ist der Klang einer Großstadt.   

Über 2,5 Millionen Menschen leben in und rund um Lissabon. Dieser europäischen Metropole, die es bis heute geschafft hat, sich eine Art dörflichen Charakter zu bewahren, ohne in der Vergangenheit stillzustehen. Zwischen Baudenkmälern aus der Seefahrerzeit und Prunkbauten mit bröckelnden Fassaden sprießen vereinzelt verspiegelte Glas­fassaden und moderne Shoppingcenter aus dem Boden. In protzigen Bürokomplexen treiben die Banken die Wirtschaft an. Doch davon lassen sich die Menschen hier nur wenig beeindrucken. Genau diese portugiesische Gemächlichkeit macht den Charme der Stadt aus.      

Hart an den grauen Mauern der im romanischen Stil erbauten Catedral Sé Patriarcal vorbei rattert die hölzerne Straßenbahn Richtung Baixa, dem Geschäftsviertel Lissabons. In den kleinen Ladenlokalen haben sich viele Jungdesigner niedergelassen. So wie die Modemacherin Ana Salazar. In einem tunnelartigen Raum in der Rua do Carmo verkauft sie Handtaschen, Schuhe, edle Stoffe voll filigraner Applikationen. Blusen mit Flatterarm gibt es ab 70 Euro. Ein paar Straßen weiter, in der Rua da Rosa, befindet sich das Atelier von Annette Strootmann. Die Deutsche entwirft raffinierte Netzroben und Etuikleider. Wer zum neuen Look noch die passende Frisur möchte, ist im „Agencia 117“ in der Rua do Norte richtig. Hier gibt es nicht nur einen neuen Haarschnitt, sondern auch Second-Hand-Fashion und Schallplatten mit den neusten Sounds.

Einkaufen könnte man andauernd in Lissabon. Doch wenn mittags die Sonne brennt, will die Seele baumeln, und der Magen verlangt nach einem Snack. In einem der drei kleinen, mit Kunstwerken voll gestopften Speisesäle des „Bota Alta“ hat sogar schon Hugh Grant gegessen. „Und Brigitte Bardot war früher auch hier“, verrät der freundliche Mann hinter der Theke, als er die Speisekarte herüberreicht. Einen ganzen Tag könnte man hier verbringen, bei einer Karaffe rubinrotem Vinho tinto und einer der vielen Köstlichkeiten. Der Klassiker ist natürlich Bacalhau – Stockfisch in einer würzigen Tomatensauce. Doch die portugiesische Küche hat noch mehr zu bieten. Açorda de mariscos zum Beispiel. Der Eintopf aus Weißbrot, Muscheln, Garnelen, Eiern und viel Knoblauch wurde in Lissabon erfunden und wird auch heute noch nur hier serviert – etwa im angesagten „Pap’ Açorda“ in der Rua da Atalaia.

Die Schwermut verfliegt im Bairro Alto schnell, wenn die Nachtschwärmer in das Viertel einströmen. Hier befinden sich die meisten Bars und Clubs, selbst partyverwöhnte Hollywoodstars wie Matt Dillon oder Keira Knightley haben sich hier schon bis in die Morgenstunden vergnügt. Im „Café Suave“ in der Rua do Diarío de Noticias, wo hinter Plexiglaswänden bunte Neonröhren leuchten und DJs ambitionierte Barsounds auflegen, werden gute Longdrinks serviert. Durchmachen kann man im „Frágil“ (Rua da Atalaia 126) – bei elektronischer Musik.
Es gibt nur einen Ort in Lissabon, genauer gesagt im Stadtteil Bélem am Ufer des Tejos, an dem man völlige Stille erleben kann. Im palmenbewachsenen Park des Hieronymus-Klosters hört man keinen Laut, der Klang Lissabons ist weit weg. Doch genau dieser ist eine Reise wert.

Charlotte Liebe / David Holscher

OK! Travel Tipps:  

Hotels

Wie einem Schwarz-Weiß-Film entsprungen, kommt das altehrwürdige Hotel Portugal in Baixa daher (DZ ab 40 Euro, www.hotel­ portugal.com). Die Zimmer sind mit eleganten Antikmöbeln eingerichtet. Der Übernachtungspreis ist ein echtes Schnäppchen, und in der Hotelbar trifft man oft hochinteressante Gäs­te. Wer es kunstvoll liebt, der steigt im Internacional Design Hotel in Baixa (DZ ab 120 Euro, www.internacionaldesignhotel.com) ab. Künstler, Maler und Innenarchitekten haben jeder Etage ihr eigenes Motto gegeben, von Afro über Pop-Art bis Zen. Der Klassiker: das Hotel Lapa Palace (DZ ab 200 Euro, www.lapapalace.com). Hier residierten einst Grafen und Fürsten.

Restaurants

Über 200 Jahre ist das Restaurant Tavares Rico (Rua da Misericórdia 35 –37, Bairro Alto) alt. Ein Speisesaal wie im Märchen, die Küche modern und international. Typisch portugiesische Köstlichkeiten, z. B. die knusprigen Peixinhos da horta (ausgebackene Bohnen), probiert man am besten im O Muni (Rua dos Correeiros 115 –117, Baixa). Im Cafe Noobai (Miradouro de Santa Catarina) sitzt man unter riesigen Sonnenschirmen im Freien und hat eine herrliche Sicht über den Tejo. Dazu gibt’s Suppen, Salate, frisch gebrauten Eistee, wechselnde DJs und im Winter warme Decken.  Ginja heißt der klassische portugiesische Kirschlikör. Im ganzen Land gibt es daher kleine Ginjinhas – Bars, die nur diesen Schnaps ausschenken. Insider-Tipp: A Ginjinha (Largo de São Domingos 8).

Kunst & Shopping

Der berühmteste und auch größte Flohmarkt in Lissabon ist der Feira da Ladra auf dem Campo de Santa Clara in Alfama. Ein Paradies für Schnäppchenjäger und Liebhaber von Kunst, Kitsch und Trödel. Delikatessen und Schlemmereien satt bietet die Charcuteria Brasil in der Rua Alexandre Hercu­lano. Zur Auswahl stehen u. a. der würzige Serra-­Käse, Rebhuhn-Fleisch, eingelegte süße Eier und die ­berühmten saftigen Pflaumen aus der Stadt Elvas. Die Solar do Vinho do ­Porto in der Rua de São Pedro de Alcantara 45 ist laut Experten eines der besten Portwein-Häuser der Stadt. An einer kleinen Bar mit Blick auf den Fluss wird zur Portwein-Verkostung geladen. Und im Shop kann man seine Favoriten mit nach Hause nehmen – übrigens ein super Souvenir. 

Tipps der Online-Redaktion:

Übernachten

„Ninho das Aguias“: Hier wacht der Adler: Die kleine, aber feine Pension liegt direkt unterhalb der Burgmauern. Es gibt 16 Zimmer, kleine Dachtürmchen und einen riesigen, ausgestopften Eingang. Wie verzaubert wirkt der Blumengarten. Früh buchen! DZ ab 40 Euro. Costa do Castelo 74, Tel. (00351) 21-885 40 70.

„Londres“: Diese Pension im beliebten Viertel Bairro Alto ist in einem klassizistischen Haus mit Stuck und Kronleuchtern untergebracht. Die Zimmer in den beiden oberen Stockwerken bieten einen schönen Blick auf die Stadt, die Zimmer zur Rua da Rosa hinaus sind ruhiger. DZ (mit Dusche) ab 50 Euro.
Rua Dom Pedro V 53, Tel. (00351) 21-342 64 23, www.pensaolondres.com.pt

Essen & Trinken

„Gambrinus“: Das vielleicht beste (wenn auch nicht ganz preisgünstige) Seafood-Restaurant Portugals: Neben Krebsen, Langusten und Hummer kommen hier Beluga-Kaviar und andere Edel-Leckereien auf den Tisch.
Rua das Portas de Santo Antao 23, Tel. (00351) 21-342 14 66.

Kaffee trinken

„Esplanade Quiosque O Miradouro“: An diesem Panoramaplatz kann man problemlos ein paar Stunden verträumen. Am schönsten ist der Miradouro spätnachmittags, wenn die Ponte 25 de Abril in der Abendsonne glitzert. Im Sommer wird die Aussicht über den Tejo bis zur Cristo-Rei-Statue häufig von Live-Musik untermalt. Nicht entgehen lassen: die herrlichen Käsetoasts und den preisgünstigen Milchkaffee. O Miradouro, in der Nähe des Parkhauses Pr. dos Restauradores.