Reise: Shanghai

Dem Himmel so nah...

Shanghai - Dem Himmel so nah. Chinas Megacity kratzt an den Wolken und hält doch an alten Traditionen fest.

Acht Minuten dauert die Zeitreise:­ Wenn die Magnetschwebebahn Transrapid von Shanghais Flughafen ins ­Geschäftsviertel Pudong gleitet und die Felder und niedrigen Häuschen des alten China zehnspurigen Straßen und himmelstürmenden Bauten weichen, ist die Zukunft nicht mehr weit: Am Ende der 30 Kilometer langen Teststrecke stellt sie sich in Form aberwitziger Wolkenkratzer am Horizont auf.

Jedes Jahr schießen allein hier, im Geschäfts- und Finanzdistrikt am Ostufer des Huangpu-Flusses, mehr Hochhäuser aus dem Boden, als ganz Manhattan vorweisen kann. Klar, dass Shanghai sich längst als „das New York des 21. Jahrhunderts“ feiert. Heute türmen sich auf Shanghais Gesamtfläche rund 5 000 Wolkenkratzer. Bis zur Expo im Jahr 2010, zu der man 70 Millionen Besucher erwartet, sollen es sogar 6 000 werden. Im Vergleich wirken die Prunkbauten am „Bund“, der historischen Promenade am Westufer des Huang­pu, fast wie Puppenhäuser. In den 20er-Jahren förderten sie Shanghais glamourösen Ruf als „Paris des Ostens“. Joseph von Sternberg drehte hier mit Marlene Dietrich „Shanghai-Express“, im barocken „Astor House Hotel“, besser bekannt als „Pujiang Hotel“, stiegen Charlie Chaplin und Albert Einstein ab.

Heute wird vor dem nahe gelegenen „Peace Hotel“, einem Jugendstil-Juwel, in dem schon Jimmy Carter und Ronald Reagan residierten, eifrig Foxtrott getanzt. Kinder lassen auf der Promenade Papierdrachen steigen, Tai-Chi-Gruppen boxen in Zeitlupe mit ihren Schatten. Ein paar Häuser weiter, in Shanghais Luxus­tempel „Three on the Bund“, kaufen die Schönen und Reichen bei Armani und Boss. Auf der Einkaufsmeile Nanjing Road, die vom „Bund“ zum People Square führt, reißt der Strom der Flaneure unter den bunten Leuchtreklamen niemals ab. In den 30ern noch eine Pferderennbahn, ist der People Square heute Shanghais größter Vorzeigeplatz samt Park, Vergnügungsgeschäften und eigenwilliger Architektur. Am Nordwest-Ende erhebt sich das Opernhaus, ein Traum aus Glas und Stahl. Wer sich einen Überblick über das Shanghai der Gegenwart und Zukunft verschaffen möchte, kann das im nahen „Urban Planning and Exhibition Center“ tun. An einem riesigen Stadt­modell wird die Entwicklung vom Fischernest zur ­Megacity beinahe greifbar.

Doch kaum hat man sich an Shanghais rasenden Puls gewöhnt, platzt man südlich vom „Bund“ schon wieder in die nächste Zeitblase hinein. Trotzig verharrt die Altstadt rund um den Yuyuan-Garten im Gestern. Zwischen niedrigen Häusern schaukelt Wäsche auf Drahtbügeln. Die Anwohner haben Liegen vor die Tür gestellt und ihre Schlafdecken zum Lüften darauf ausgebreitet. Ein alter Mann schiebt seinen Nachttopf auf einem Schubkarren durch die Straße, ab und zu spaziert sogar jemand im Pyjama vorbei. Während Shanghais modebewusste Jugend in westliche Designer­kleidung schlüpft, tragen ältere Generationen zum Einkaufsbummel tatsächlich Schlafanzüge!

Es gibt so viel zu sehen, dass man es fast nicht mehr in den Yu­yuan-Garten schafft. Doch den zu verpassen, wäre ein Jammer: Die grüne Oase hat sogar Paris Hilton begeistert. Nach ihrem letzten Shopping-Marathon durch Shanghai kam sie zum Relaxen hierher.

Langnasen, wie die Chinesen west­liche Touristen nennen, zieht es auch in die modernen Geschäfte, Restaurants, Bars und Cafés des Szeneviertels Xintiandi. „Neues Universum“ heißt Xintiandi übersetzt. Nirgendwo sonst ist Shanghai so angesagt, so angekommen im Jetzt. Bei „Shanghai Tang“, wo Seidenkleider und bestickte Kissen verkauft werden, ziert Jerry Hall neben anderen VIP-Kunden die Wände. „Simply Thai“ bringt feine Currys auf den Tisch, und das „Paulaner Bräuhaus“ lädt ein paar Ecken weiter zum Oktoberfest – mit Starkbier und Kellnerinnen im Dirndl. In der Szenebar „Face“ fläzen sich Partygänger auf Diwanen und nippen zu Loungemusik an bunten Cocktails.

Im nahen Fuxing Park genießen die letzten Nachtschwärmer zwischen riesigen Bambusstauden ein klein wenig Ruhe. Bevor Shanghai am nächsten Morgen wieder losstürmen wird – im Zeitraffer der Zukunft entgegen.

Heike Platow

OK! Travel Tipps:

Hotels & Gästehäuser

Mitten im französischen Viertel und am Rande des Vergnügungsviertels Xintiandi liegt das Fünf-Sterne-Businesshotel Jin Jiang Tower (DZ ab ca. 100 Euro, www.jinjiangtower.com). Von den Zimmern des Hochhauses aus genießen Gäste einen großartigen Blick über die Stadt; auch der Wellnessbereich kann sich sehen lassen. Wer es lieber gemütlich mag, ist in der Anting Villa im Xujiahui-Viertel bestens aufgehoben (DZ ab 70 Euro,  www.antingvillahotel-shanghai.com). Backpacker und Reisende mit kleinem Budget steigen dagegen bevorzugt im Captain Hostel (DZ ab 52 Euro, www.captainhostel.com) nahe dem „Bund“ ab (rechtzeitig reservieren!): Die freundliche Herberge bietet neben 20 Einzel- und Doppelzimmern auch zwölf „Sailor Bunk“-Schlafsäle mit Bullaugen-Kojen. Dort fühlt man sich wie auf einem Schiff – und zahlt für die Übernachtung nur rund 8 Euro. Highlight: die Bar samt Dachgarten im 6. Stock mit Pudong-Panorama. Netter, zentraler und preiswerter kann man in Shanghai wirklich nicht unterkommen.

Restaurants, Cafés & Teehäuser

Auch in Shanghai ist Bio der Trend der Stunde. Kein Wunder, dass immer mehr vegetarische Restaurants aus dem Boden schießen. Im buddhistisch angehauchten Zao Zi Shu (Huangji Cheng Dao 848) kommen etwa köstliche Spinat-Teigtaschen und kreative Tofu-Gerichte auf den Tisch. Fans der asiatischen Küche dürfte das Simply Thai im Szene-Viertel Xintiandi (Ma Dang Road, Ecke Xin Ye Road) mit mehreren in der ganzen Stadt verstreuten Filialen begeistern: Die sämigen Currys schmecken nach mehr, die Preise sind fair (rund 7 Euro für ein Hauptgericht), und auch das puristische Ambiente stimmt. Bei Ausländern und Chinesen gleichermaßen beliebt ist das Paulaner Bräuhaus (Xintiandi North Block 19–20, Lane 181). Wer lieber typisch chinesische Speisen aus der Provinz Yunnan probieren möchte, muss ins kunstvoll geschmückte Spezialitätenrestaurant Lost Heaven (Gaoyou Road 38). Sehr lecker: Huhn nach Art der Dai mit sieben Gewürzen. Nachmittags zieht es die Shanghaier dann in die traditionellen Teehäuser: Etwa ins nostalgische
Old Shanghai Teahouse (Fangbang Middle Road 385) in der Altstadt oder in das berühmte Huxingting-Teehaus am
Rande des Yuyuan-Gartens. Für Kaffeetrinker gibt es an jeder Ecke eine Filiale von Starbucks – das hübschere Ambiente bietet aber die Café-Kondi­torei Nussbaum am Eingang ins Galerien-Viertel (Moganshan Road 50).

Shopping & Souvenirs

Alles, was das Herz begehrt, gibt es in den Kaufhäusern und kleinen Läden von Chinas wichtigster Einkaufsmeile Nanjing Road – vom Grüntee über Masken und Essstäbchen bis zum schicken Shirt. Boutiquen internationaler Designer, von Armani bis Zegna, findet man am „Bund“ und in der ausgedehn­ten Shoppingstraße Huaihai Road. Allen, die lieber in netten, kleinen Shops stöbern, bietet das Amüsierviertel Xintiandi eine reiche Auswahl: Bei Shanghai Tang (Tai Cang Road 181) gibt es etwa edle Seidenblusen und Accessoires, bei Simply Life (Xing Ye Road, Lane 123) Designer-Homeware und in der Shanghai Trio Boutique
(Taicang Road 181) stilvolle Kissenüberzüge, Tischdecken und Babykleidung mit chinesischen Motiven. Wer nach Schnäppchen sucht, wird im Shanghai Feng Xiang Clothing Gift Market (Nanjing West Road 580) fündig: Vom Holzspielzeug über Billiguhren bis zum Sweatshirt im Stil von Ed Hardy wird hier alles für ein paar Euro verschleudert. Handeln ausdrücklich erwünscht!

Tipp der Online-Redaktion:

Auch das Nachtleben hat in Shanghai einiges zu bieten:
Zum Aufwärmen gehts in die Hengshan Road, die längste Barmeile Shanghais mit prächtigen Kolonialhäusern oder in das Duolon Road Old Film Café (Duolon Road 123). Schwindelfreie zieht es im weiteren Verlauf des Abends ins Cloud 9 im 87. Stockwerk des Jinmao Tower in Puddong – eine der höchstgelegenen Bars der Welt. Zum Abtanzen eignen sich am besten die zahlreichen Lifemusik-Locations der Stadt: Während sich das JZ (Fuxing Vilu 46) dem Jazz verschrieben hat, rockt es in der Live Bar (Kunming Road 721) gewaltig.