Von James Blunt bis Birdy - So war das 'Reeperbahnfestival'

Vier Tage lang Schwitzen, Singen, Feiern und Weinen auf dem Hamburger Kiez

Birdy verzauberte mit ihrer souligen Stimme das Docks Rotzgörenhaft trotz Herzchen-Kleid und Glitzer-Diadem: Kate Nash Bei kaum einem Konzert wurde so gut gefeiert wie hier: Viktor & the Blood im Gruenspan Viktor & the Blood Beeindruckend: die Fotoausstellung Die Konzert-Poster-Convention

Vier Tage Rock'n'Roll und Remmidemmi auf dem Hamburger Kiez: Das "Reeperbahn-Festival" lockte vom 26. bis zum 28. September über 300 Acts und 28.000 Besucher in die Locations rund um die sündige Meile - und OK! Online war dabei.

Wie immer stehen wir auch in diesem Jahr vor der unmöglichen Aufgabe, uns entscheiden zu müssen, vor der Qual der Wahl. Denn auf dem größten Clubfestival Deutschlands geben sich zeitgleich diverse großartige Künstler die Ehre, und verpassen will man eigentlich nichts. Muss man aber - da führt gar kein Weg dran vorbei, wenn man sich nicht zweiteilen möchte.

Am Donnerstag entscheiden wir uns für die bekannten Acts, und steuern an diesem Abend das Schmidts Tivoli an, wo Schmuse-Sänger James Blunt ("Beautiful") sein neues Album "Moon Landing" im ganz intimen Rahmen zum Besten gibt, bevor er im März kommenden Jahres die Arenen füllt. Seine Entschuldigung: "Isch spresche nur ein bisschen Deutsch" finden wir genauso sympathisch wie seine Musik.

Punk-Pop-Lady Kate Nash rockt rotzgörenhaft das Docks - und setzt einen musikalischen Kontrast zu ihrem Herzchen-Outfit und dem Glitzer-Diadem. Die 26-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund - und dafür lieben sie ihre Fans. Spätestens bei "Mouthwash" gibt's kein Halten mehr.

Ein emotionaler Abschied steht am Freitag am selben Ort auf dem Zettel vieler Kettcar-Fans: Die Hamburger Band um Marcus Wiesbusch verabschiedet sich nach 12 Jahren in eine Pause von unbestimmter Länge. Im rappelvollen Docks haben viele der rund 1300 Zuschauer einen Kloß im Hals, als das bewegende "Landungsbrücken raus" als letzte Zugabe erklingt. Miieh...

Samstag, 19.30 Uhr im Gruenspan: Drei Männer in eleganten Anzügen stehen auf der Bühne, das Publikum tobt. Es ist das erste Deutschland-Konzert der Schweden Viktor & The Blood. Die Band ist, obwohl sie ein Newcomer ist, nicht ganz unbekannt: Der Sänger Viktor Norén und der Gitarrist Jonas Karlsson spielten vorher bei Sugarplum Fairy, der Drummer Samuel Giers bei Mando Diao. Anzüge und Rock'n'Roll passen nicht? Tun sie wohl - und wie! Bei kaum einem Konzert wurde so gut gefeiert wie hier. Die Gitarren sind dreckig, der Sänger singt sexy - es ist der passende Soundtrack für eine gute Party. Viel zu schnell endet der Spaß aber schon, und man muss sich auf zu neuen Schuppen rund um den Kiez machen. Von den Wänden im Gruenspan tropft der Tanzschweiß, überall erblicken wir begeisterte Gesichter. Im Februar 2014 kommt die Band mit einem Album nach Deutschland, Österreich und die Schweiz - wir freuen uns drauf!

Wir stolpern weiter und finden uns nur ein paar Türen weiter in der Großen Freiheit wieder, wo Built to Spill eins ihrer seltenen Konzerte hierzulande geben. Dazu muss man wissen, dass die Europa-Gigs der Band wegen der immensen Flugangst von Frontmann Doug Martsch verständlicherweise rar gesäht sind.
Umso erwartungsvoller die Gesichter der Anwesenden, die vielfach nur wegen des Quintetts gekommen sind, das schon Bärte trug, als diese noch weit davon entfernt waren, hip zu sein. Sie werden nicht enttäuscht. Unglaublich unprätentiös spielen die Indie-Helden ein Set aus 20 Jahren Bandgeschichte, das die Fans daran erinnert, warum sie diese Truppe von bierbäuchigen Holzfällerhemdträgern so liebt. "Wie lange haben wir noch?", fragt Martsch besorgt, als wiederholt die Rausschmeißer-Lichter angemacht werden. "10 Minuten" hallt es angesäuert zurück. 10 Minuten, die mit der letzten Zugabe "Carry the Zero" wunderbar genutzt werden. Die Große Freiheit bebt.

Von alten Hasen zu einem 17-jährigen Wunderkind: Zu guter Letzt wollen wir sehen, was Teenager Birdy so kann. Die Britin spielt in der Nacht im Docks auf. Schüchtern-sympathisch nimmt die Sängerin das Publikum für sich ein. Und dann diese umwerfende Stimme! Wir sind baff - und fallen beseelt ins Bett.

Ach ja, auch abseits der Konzerthallen bot das Festival wieder allerhand Perlen. Besonderes Schmankerl für die Musik-affinen Kunst-Liebhaber: Die Konzert-Poster-Convention "Flatstock Europe" auf dem Spielbudenplatz mit erschwinglichen und schönen Sammlerstücken - sowie "Malzkorn's Rock'n'Roll" von Fotograf Stefan Malzkorn, der seit zwei Jahrzehnten Momente voller Emotionen auf Konzerten eingefangen hat.

Wir zählen schon die Tage bis zum nächsten Reeperbahnfestival!