'Schiller' im OK!-Interview

'Castingshows sind für mich moderne Gladiatoren-Kämpfe.'

Er gehört zu den erfolgreichsten Musikern Deutschlands: Seit kurzem ist Schiller alias Christopher von Deylen wieder auf großer Tour durch Europa. Im OK!-Interview sprach das Allround-Talent über Castingshows, Facebook und Gymnastiküb

Während der Produktion deines neuen Doppelalbums „Atemlos“ (bereits erschienen) warst du auch vier Wochen auf dem Forschungsschiff „Polarstern“. Wie kam es dazu?
Ich habe durch private Zufälle ein Forscherteam von der Universität Bremen, vom Institut Marum, kennengelernt. Wir kamen ins Gespräch und haben gemerkt, dass ganz viele Parallelen zwischen Kunst und Wissenschaft bestehen. Weil ein Künstler ja auch sucht, ohne genau zu wissen, wonach. Ein Wissenschaftler hat da ein ähnliches, selbstgewähltes "Schicksal". Dann haben wir beschlossen, dass wir eine Kollaboration zwischen Kunst und Wissenschaft ziehen wollen, um gemeinsam unserer Neugier freien Lauf zu lassen. Bedingung war, dass ich als Wissenschaftler auf Zeit an Bord mitarbeite und den wissenschaftlichen Alltag kennenlerne.

Wie sah der Tagesablauf auf dem Schiff aus?
Sehr manifestiert und eingeteilt. Es gab ganz feste Essenszeiten, einen Schichtbetrieb, und man hat vier Stunden gearbeitet, acht Stunden Pause und dann wieder vier Stunden gearbeitet und das über vier Wochen. So sehr sich das einengend anhört für jemanden, der es gewohnt ist, sich frei zu bewegen, und einen freien Tagesablauf zu haben, und viele Jahre dafür gearbeitet hat, um sich das frei einteilen zu können. Aber in so einer Ausnahmesituation ist so ein Gerüst, das Einzige, was einen zusammenhält. Wenn man an Bord eines Schiffes in einem geografischen Bereich ist, in dem der Mensch nichts zu suchen hat, dann ist man verloren, wenn es kein Raster gibt, in dem man sich bewegen kann und sich sicher fühlt. Es war für uns also weniger eine Einengung nach dem Motto „Wieso gibt es jetzt nichts zu essen? Ich habe Hunger!“ sondern eher eine Hilfe, dass man weiß, dann gibt es was zu essen und danach muss man sich richten. Die Anforderungen an einen bekennenden Hobby-Soziophoben wären sonst noch viel extremer.

Mit wie vielen Leuten lief das Schiff aus?

100 Menschen: 50 Mann Besatzung und 50 Wissenschaftler aus ganz Europa. Die „Polarstern“ ist über 117 Meter lang, kann aber trotzdem recht klein wirken. Für einen WG-Phobiker wie mich war es eine Herausforderung, vier Wochen lang die Kabine mit jemandem zu teilen. Das klang im Vorfeld aber alles viel dramatischer als vor Ort.

Also, ob der Nachbar schnarcht oder nachts noch länger liest...
Da muss man sich darauf einstellen. Das kenne ich aber auch vom Tourleben, da sind wir alle im großen Bus, und da gibt es auch schon mal einen schnarchenden Kabinennachbarn. Aber auf dem Schiff ist ganz klar, dass man nicht rechts ranfahren kann, um zu sagen: „Mir reicht es jetzt! Ich will nach Hause!“ Alle wissen, dass man sich an gewisse Massstäbe halten muss, sonst geht es nicht. Als Mikrokosmos war das erstaunlich funktionsfähig.

Inwiefern hattest du Zeit, an Bord zu komponieren?
Ich hatte ein musikalisches Notizheft in Form eines kleinen Studios mitgenommen. Also ein  Synthesizer und einen Computer, um bei Bedarf, Ideen festhalten zu können. Das Stück „Polarstern“ ist komplett an Bord entstanden.

Auf deinem Album gibt es aber noch einige andere Stücke wie „Tiefblau“ oder „Morgenland“, die vermuten lassen, dass du während der Expedition zu ihnen inspiriert wurdest...

Diese Reise war insgesamt ein Katalysator, um das Bewusstsein zu verändern. Ich habe nämlich großen Respekt davor, irgendwo anzukommen. Denn diese Ankommen, das für viele so erstrebenswert ist, verursacht mir eher Angst. Denn irgendwann sitzt man auf der Veranda im Schaukelstuhl und sagt: „So, jetzt bin ich angekommen!“ Diese Bild ist für mich eher ein Drohszenario, und ich möchte mich eher in Bewegung halten.

Was hat dich auf deinem Abenteuer besonders beeindruckt?
In der Arktis war es immer hell. Es wurde nie dunkel, weil Mittsommer war. Und obendrein dieses Gefühl, wirklich weit weg von zu Hause zu sein. Fast wie im Weltall. Man war seinem normalen Umfeld total entrissen. Die Familie war weit weg, und Freunde waren praktisch unerreichbar. Man musste einigermaßen mit sich klarkommen, sonst wäre es ungemütlich geworden.

Würde dich denn auch ein Flug ins All reizen?
Theoretisch schon, aber ich habe großen Respekt vor den gesundheitlichen Anforderungen, die man erfüllen muss.

Wieso? Bist du nicht so fit?
Ach, das geht schon. Ich mache zu Hause Gymnastik. Man kann erstaunlich viel machen ganz ohne Sportgeräte nur mit einem labrigen, halb aufgepumten Fußball. Da kann man viel mehr machen als in irgendeinem Fitness-Studio.

Ganz anderes Thema: Für junge Menschen ist der Weg in die Musikbranche immer schwieriger. Was hältst du von Castingshows?

Castingshows sind eine passable Unterhaltung für den geneigten TV-Zuschauer, der sich unterhalten möchte. Der Weg ist das Ziel. Es geht darum, Menschen zu beobachten vom ersten Casting zur letzten Mottoshow. Für mich sind das eigentlich moderne Gladiatoren-Kämpfe. Es ist spannend zu gucken, wer überlebt. Aber am Ende der Staffel hat es sich damit auch erübrigt. Es ist erstaunlich, mit welchem Idealismus sich Menschen als Kandidaten bewerben. Weil mittlerweile bekannt ist, dass - egal, wie hoch das Interesse des Publikums ist- mit Gewinn der Staffel, das Interesse sofort abbricht.

Könntest du dir denn gar nicht vorstellen, bei einer Castingshow wie „Unser Star für Oslo“ in der Jury zu sitzen?
Wer zu so einem Casting geht, macht das aus gewissen Beweggründen. Ich wäre schon so voreingenommen, ob die das wirklich so meinen, was sie vorgeben zu sein. Ich wäre also viel zu sehr mit Analysieren beschäftigt, deshalb wäre ich sicherlich kein guter Ratgeber.

Wo würdest du denn deine Musik einordnen?
Schiller ist ein Gegenentwurf zur Zwei-Zeilen-Facebook-Generation. Unsere iPods sind voller Musik. Wir klicken da nur noch durch, weil jeder Song nach spätestens dem zweiten Refrain weitergeklickt wird. Früher bei Cassetten musste man spulen, deshalb hat man es meist bleiben lassen. (lacht)

Und was hast du gegen Facebook?
Ich will mich nicht festlegen lassen à la: „Ich bin jetzt über dreißig und muss die Flippers hören.“ Bei Facebook findet eine Verschubladisierung und Kategorisierung des Lebens statt. Da kannst du drei Hobbys angeben, aber das ist ja alles gar nicht echt. 

Interview: Thomas Kielhorn