Tatjana Patitz: Zum Supermodel wurde ich gemacht

Exklusiv im Interview

Auch mit 43 ist die gebürtige Hamburgerin Tatjana Patitz gut im Geschäft. Doch das Überleben in der Welt der Mode und Models ist hart. Ein Rückblick.

Das Comeback der Supermodels ist in aller Munde. Dabei ist es gar kein richtiges Comeback. Cindy Crawford, Claudia Schiffer & Co. waren lückenlos im Geschäft. Als Mütter und Familienmenschen leben sie privater, zurückgezogener. Dennoch zieren sie regelmäßig Titelseiten und Werbekampagnen großer Designer. Und sie liefern Stoff für immer neue Gerüchte und Klatsch. Für Tat­jana Patitz, die als alleinerziehende Mutter in ­Malibu lebt, gilt all das auch. Von ihr hat man zuletzt aber weniger gehört. Als wir Tatjana in Berlin zum Gespräch treffen, landen wir schnell bei einem kritischen Vergleich der Model-Welt von damals und heute, kommentiert mit besonderen Ansichten von Ted Linow. Er ist Chef der etablierten Agentur Mega Model, die die 43-Jährige vertritt.

Im März hat das Modelabel Hermès Sie nach langer Pause auf den Laufsteg geholt. Verlernt man das Modeln nicht irgendwann?
Es lagen acht Jahre dazwischen! Wir trugen riesige Absätze und mussten über einen endlosen Laufsteg schreiten. Aber verlernen? Nein.

Im Mai folgte die nächste Schau für Chanel in Venedig. Wie haben Sie sich gefühlt?
Es ist alles sehr gut organisiert heutzutage, alles funktioniert reibungslos. Bevor man weiß, dass man dran ist, ist man schon draußen. Ehrlich gesagt: Das war kein „big deal“.

Kommt bei solchen Jobs Wehmut auf?
Es ist schön, ab und zu auf einer Schau zu laufen. So macht es Spaß, und es ist auch gut, die Designer wiederzusehen. Aber heute ist jede Show eine Riesenproduktion, es ist definitiv anders als früher, fast wie eine Maschine.

Kannten die jungen Models Sie noch?
Ich habe sie nicht danach gefragt.
Linow: Natürlich kennen die dich! Viele sagen, Tatjana feiere ein Comeback. Aber sie war nie weg, sie wird regelmäßig gebucht.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag heute aus?
Wenn man eine Handvoll sehr gut ausgewählter Jobs macht, dann ist man nicht mehr so beschäftigt wie früher, klar. Aber ich muss auch nicht mehr alle fünf Minuten in ein anderes Flugzeug steigen.
Linow: Wir tragen dir Aufträge an, und du suchst aus. Das ist der Unterschied.

Wie sehr hat Ihr heute fünfjähriger Sohn Jonah Ihre Karriere beeinflusst?
Meine Laufstegzeit hatte ich schon vor seiner Geburt beendet, es war sowieso nie mein Lieblingsding, dieser Runway. Aber als er drei Monate alt war, hatte ich schon wieder meinen ersten Job. Als Mutter lernt man, seine Zeit viel besser zu planen. Ich wollte nicht zu den Models gehören, die sagen: „Jetzt habe ich ein Kind und starte gleich wieder durch.“ Mir war es wichtig, dass ich für den Kleinen da war. Sonst hätte ich kein Kind bekommen müssen.

Sie werden als Topmodel der ersten Generation bezeichnet. Wie gefällt Ihnen das?
Wir waren Supermodels …
Linow: Du hast eine Zeit miterlebt, in der Models Hollywood-Stars regelrecht ­abgelöst haben. Es wurde mehr über Tatjana Patitz, Naomi Campbell oder Christy Turlington gesprochen als über irgendeine Schauspielerin. Es wurde auch mehr über sie geredet als über die Designer! (lacht) Denen ging das dann auch mächtig auf die Nerven …

Wie ist es dazu gekommen?
Hollywood fehlte zu der Zeit schlicht­weg Glamour. Also konnten die Mädchen aus der schillernden Modewelt die Filmmetropole erobern.
Linow: Hinzu kommt, dass die Mädchen damals  im Gegensatz zu den Models von heute einfach mehr Persönlichkeit hatten. Und noch haben!

Was war das Besondere an den Supermodels?
Wir waren alle unterschiedlich, keine sah aus wie die andere, jede hatte ihren Look. Wenn man nicht verfügbar war, konnte man nicht einfach ersetzt werden: Wenn Cindy, Naomi oder ich eine Woche ausfielen, wurde eben eine Woche gewartet. So haben wir den Beruf auch ein bisschen kontrollieren können.

War Ihnen recht, dass Sie so prominent wurden?
Ach, man ist 19 oder 20 Jahre alt, man denkt gar nicht darüber nach. Ich habe ununterbrochen gearbeitet und hatte gar keine Zeit, mich zu fragen, wie ich das alles finde. Ich schwamm auf dieser Welle mit, und dann war ich oben.

War Ihnen bewusst, dass die Zeit damit auch an Ihnen vorbeirannte?
Mir war klar, dass ich zu viel zu tun hatte. Wer dauernd im Flieger sitzt, hat keine Zeit für Freunde und ist zu müde für ein normales Privatleben. Aber ich dachte nicht: „Jetzt bin ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere, und danach ist es vorbei.“ Woher soll man wissen, wie hoch die Welle ist, auf der man sich bewegt?

Trotzdem, die Zeit für Models ist knapp …
Man hat eine begrenzte Zeit, das ist klar. Als ich 20 war, dachte ich, mit 25 gründe ich eine Familie, ziehe aufs Land, habe meine Pferde, und alles andere ist vorbei. Aber ich durfte weiter Karriere machen – und das ist auch schön.

Sehnen sich weibliche Kunden in der Werbung heute eher nach reifen Gesichtern?
Frauen wollen sich identifizieren können, sie sehnen sich nach Weiblichkeit. Deshalb sind Schauspielerinnen auch so groß in die Werbung eingestiegen. Sie repräsentieren authentische Frauen. Viele wollen kein 16-jähriges Kind sehen, das für ein Produkt lächelt. Da fehlen die Parallelen zu sich selbst.

Auch Supermodels waren jung im Geschäft!
Wir fünf, sechs Mädchen waren weiblich, sportlich und alles andere als 08/15. Heute haben doch alle dieselben Haarfarben und -längen.
Linow: Man hat euch Zeit gegeben, euch selbst zu finden. Heute soll jeden zweiten Monat ein neuer Superstar her. Ein Star fällt aber nicht vom Himmel, ein Star wird gemacht. Star zu sein, das muss man lernen. Heute gibt es nur noch „Kleenex-Models“. Die werden für eine Saison  benutzt und dann fallen gelassen.

Weiß Ihr Sohn, dass er eine berühmte Mami hat?
Nein, der ist ja erst fünf. Er weiß, dass ich ver­reise und ihm Spielzeug mitbringe, wenn ich wiederkomme. Das ist ihm am wichtigsten. (lacht)

Sie sind vom Vater geschieden, kümmert er sich?
Es geht hin und her, aber die Menschen sind, wie sie sind. Für den Kleinen ist es wichtig, dass er seinen Vater so oft wie möglich sieht. Mal kümmert er sich unheimlich intensiv, dann lässt er sich lange gar nicht sehen.

Gibt es einen neuen Partner an Ihrer Seite?
Jonah und ich leben allein, mit vier Pferden, zwei Katzen, vier Hunden und vier Hühnern.

Klingt alles sehr aktiv, müssen Sie da noch ins Fitnessstudio?
Ich mache Yoga und gehe in den Bergen vor der Haustür klettern, um einen Sport zu haben, der meinen Puls hochbringt. Dazu kommt das ­Reiten und das Hinter-dem-Kind-herrennen …

… und weil Sie außerdem noch gestillt haben, sind Sie ganz schnell wieder schlank geworden, oder?
(lacht) Ich habe viel länger gestillt, als ich ­wollte. Aus einem Jahr wurden zwei, aber Jonah wollte keine Flasche. (stöhnt) Manchmal habe ich gedacht: „Erschießt mich doch einfach!“ Aber er ist mein Sohn, ich konnte ihn nicht im Stich lassen und sagen: „Ich bin das Wochenende mal nicht da. Sieh zu, wie du klarkommst.“ Wir waren aneinander gebunden. Ich musste mich auf ihn einrichten. Und das war auch gut so.

Kati Degenhardt