Exklusiv: Sarah Kutter über Sex, Liebe und Psychotherapie

Zur Sache, Schätzchen

Zur Sache, Schätzchen: In ihrem neuen Buch erklärt uns TV-Moderatorin Sarah Kuttner, warum Frauen nicht loslassen können, Mr. Right immer im falschen Moment um die Ecke biegt - und wie man Mr. Wrong auch wieder vergisst...

In ihr kommt in diesem Frühjahr niemand vorbei: Sarah Kuttner, 30, ist überall. Mit „Kuttners Klein­anzeigen“ (22. und 29. März, ARD), der „Slam Tour mit Kuttner“ (ab 7. April, Sat.1) und mit einem neuen Buch. Es ist bereits ihr drittes, erscheint dieser Tage, heißt ­„Mängelexemplar“ und dreht sich um Depressionen, Psychotherapie und die falschen Kerle im Leben. Ein Frauen­roman, der aus der Feder der kessen Berlinerin frisch und frech, aber nie klischeebeladen und langweilig ist. OK! traf das Multitalent zum Gespräch in Berlin – und räumte auch hier mit Vorurteilen auf. Denn so cool, wie Kuttner tut, ist sie nicht immer...

Die Therapiesitzungen im Buch klingen so authentisch. Aus eigener Erfahrung?
Nein. Ich habe gut recherchiert und mit ­vielen Freunden gesprochen, die eine Thera­pie gemacht haben, weil sie Angstzustände hatten. Man muss kein Freak sein, um eine Depression zu bekommen. Und ich fand es interessant, darüber zu schreiben. Man denkt ja sonst sofort, Depression ist gleich verrückt, Psychiater gleich geschlossene Anstalt und bewusstseinsverändernde Medikamente.

Ihre Protagonistin Karo ist mit einem Mann ­liiert, mit dem sie sich nur streitet und den sie gar nicht liebt. Kennen Sie solche Beziehungen?
Ich kenne das „Nicht-loslassen-Wollen“. Eine unsympathische Angewohnheit, die aber fast jeder mit sich herumträgt. Ich leiste oft Erste Hilfe bei Liebeskummer-Opfern, zum Beispiel, wenn der Kerl so gemein war und man eine Woche später wieder mit ihm zusammen ist. Wir neigen eben dazu, lieber zu zweit unglücklich zu sein als allein.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?  
Feigheit und Bequemlichkeit. Allein das Unglücklichsein dauert drei Monate. Danach geht es einem zwar immer noch dreckig, aber ein Ende ist in Sicht. Nach einem halben Jahr ist Liebeskummer dann auszuhalten. Aber es kostet Kraft, zu sagen: „Ich bleibe allein unglücklich!“

Haben Sie ein Rezept gegen Liebeskummer?
Nein, da muss man einfach durch. Ablenken funktioniert nicht. Man sollte sich Zeit nehmen, um allein zu sein und zu heulen. Danach ist eigentlich alles erlaubt, was einem gut und anderen nicht weh tut. Wenn man fürs Selbstwertgefühl mit vielen Partnern Sex haben will, bitte! Die Seele sagt sowieso irgendwann Bescheid, wenn es zu viel ist.

Und wenn man danach die große Liebe sucht?
Liebe kann man nicht suchen. Die kommt irgendwann um die Ecke gelatscht, und zwar dann, wenn man gerade doof aussieht. So war es bei mir immer. Liebe will überraschen, weil Liebe eine Rampensau ist!

Was können Frauen aus Ihrem Buch sonst noch lernen?
Im einfachsten Fall lassen sie sich unterhalten. Und vielleicht merkt der eine oder andere, dass es okay ist, mal zum Psychiater zu gehen, wenn man sehr traurig ist. Niemand wird ausgelacht, wenn es keine Depression ist. Schließlich rennen die Leute auch mit Erkältungen zum Arzt, warum dann nicht auch bei einer sich ungesund anfühlenden Traurigkeit. Die Psyche muss man ernst nehmen.

Fällt es Ihnen leicht, Schwächen einzugestehen?
Ich bin theoretisch im Reinen mit mir. Ich bin ein gutes Mittelmaß von allem. Ich bin nicht besonders ehrgeizig, aber auch nicht faul. Ich finde mich nicht doof und nicht super cool. Natürlich bin ich auch mal unsicher – etwa, ob das Kleid mir steht oder ob ich jemanden genug mag, um mal einen Kuss zu wagen.

Das klingt anders als die „Berliner Schnauze“, die man Ihnen nachsagt. Ist die eher anerzogen?
Bei mir ist das wie mit jungen Hunden: Denen sagt man auch nach, dass sie lauter kläffen, wenn sie gehört werden wollen. Ich war schon immer so. Früher habe ich mich sofort mit Lehrern angelegt, wenn ich Ungerechtigkeit gewittert habe. Ich schaffe es nicht, den Mund zu halten, auch wenn es besser wäre. Wenn ich wütend bin, muss das raus!

Sie sind gerade 30 geworden – Grund zur Freude oder Panik?
Weder noch. Es ist tatsächlich nur eine Zahl.

Tickt Ihre biologische Uhr noch nicht?
Wahrscheinlich sollte ich bald mit dem Kinderkriegen anfangen, weil man 20 Jahre vor sich hat, um die Gören durch die Pubertät zu bringen. Vielleicht adoptiere ich lieber ein Kind, das schon 21 ist ...

Tanja Fritzensmeier