Kiefer Sutherland spricht über Selbstzweifel

Exklusiv-Interview

Seine Alkoholsucht brachte Kiefer Sutherland bis ins Gefängnis. Jetzt spielt der „24“-Star wieder ganz oben mit in Hollywood. Wären da nur nicht diese Selbstzweifel…

Von wegen Bad Boy! Kiefer William Frederick Dempsey George Rufus Sutherland, 42, mag eine eindrucksvolle, zum Teil erschreckende Biografie haben. Traurige Höhepunkt: 2007 wurde er wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet, musste für 48 Tage ins Gefängnis. Dass er aber ganz anders ist als sein Image, beweist er im Interview mit OK! Da zeigt er seine sensible, nachdenkliche Seite. Und er spricht über seinen ganz persönlichen „24“-Moment...

Mögen Sie eigentlich Ihre eigenen Filme?
Auf 15 von 60 Filmen bin ich eigentlich ziemlich stolz. Obwohl ich bei keinem von denen gleich von Anfang an ein gutes Gefühl hatte. Jedesmal dachte ich auf dem Weg zum Set: „Dieser Film mit diesem Team wird jetzt aber wirklich ein großer Haufen Mist!“ Aber dann haben wir doch immer was Tolles zustande gebracht.

Bei welchem Film hatten Sie die größten Zweifel?
Einmal habe ich mit einem Regisseur gedreht für den es der erste Job war – seinen Namen nenne ich nicht, er ist ein netter Typ. Aber es gab da diesen Moment, als zwei Kameramänner darüber diskutierten, wer welchen Bereich filmt, was natürlich sehr wichtig ist. Der Regisseur meinte bloß: „Hört doch auf, euch über so was zu streiten!“ Da wusste ich: Wir haben ein Problem.

Auch Sie versuchen sich gerade in einem neuen Metier: Sie sollen jetzt auch unter die Musikproduzenten gegangen sein …
Ja, ich habe ein Label gegründet, weil ich so viele tolle Bands kenne, die keinen Plattenvertrag bekommen. Der Vorteil ist, dass es ein ganz kleiner Verlag ist, der nicht darauf angewiesen ist, die ganz große Kohle zu machen. Mit der Band Rocco Deluca and the Burden bringen wir dieses Jahr vier Alben raus.

Haben Sie noch mehr Leidenschaften außer der Musik?
Aber klar. Ich bin wie jeder andere, an so vielen Dingen interessiert. Manche davon kennt die Öffentlichkeit, andere sind privat.

Erzählen Sie uns doch bitte von den privaten …
Na ja, ich war profes­sioneller Rodeo­reiter, ich war im Skirennen Leistungssportler. Musik, Kunst, darunter vor allem die Ma­lerei – das alles interessiert mich.

Klingt nach einem erfüllten Leben.
Ich muss sagen, dass ich wirklich Glück gehabt habe. Wenn ich mir mein Leben so ansehe weiß ich, dass ich einer der glücklichsten Menschen der Welt bin. Mir ging es noch nie total schlecht – ich war noch nie ganz unten. Allerdings habe ich auch einen stabilen Freundeskreis. Das gibt mir Kraft.

Es läuft ja auch beruflich super für Sie: der Erfolg mit „24“, viele Preise und Nominierungen. Und jetzt haben Sie auch noch einen Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood …
Dieser Stern steht für meine lange Karriere. Auch, wenn mein vierjähriger Enkel am liebsten darauf herumhüpft. (lacht) Es wäre gefährlich, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Man darf die Dinge nicht überbewerten.

Hat Ihr Enkel schon den Animationsfilm „Monsters vs. Aliens“ gesehen, in dem Sie einer der Figuren Ihre Stimme leihen?
Ja, da hatte ich ein tolles Date mit „meinem kleinen Mann“.

Hat er Ihre Stimme überhaupt erkannt?
Ja, sofort. Einer der Gründe, weshalb ich Anima­tionsfilme synchronisiere, war übrigens meine­ Tochter. Sie war damals, 1990, zwei­einhalb Jahre alt, als ich für Dreharbeiten sechs Wochen lang unterwegs war. In dieser Zeit lief ein Film mit mir im Fern­sehen. Sie hat gelacht und „Dada“ gerufen. Als ich davon hörte, hat mir das irgendwie das Herz gebrochen, weil ich ja leider nicht zu Hause sein konnte.

Na ja, mittlerweile ist sie 21 und kann zugucken – Filme sind schließlich für die Ewigkeit gemacht …
Das stimmt. Ich habe viele Freunde, die auf dem Bau arbeiten, und wenn wir an einem von ihnen gebauten Haus vorbeifahren, sind sie auch immer sehr stolz. Das ist ihre Hinterlassenschaft. Bei mir ist es ganz genauso. Unsere Arbeit ist für die Ewigkeit. Möchten wir nicht alle ein Erbe hinter­lassen?

Ihr großes Erbe ist sicherlich die Echtzeitserie „24“. Wie wollen Sie diesen Erfolg noch übertreffen?
Mit Comedy! (lacht) Nein, ernsthaft, das Genre ist nicht wichtig. Es ist die Geschichte eines Films, die mich packen muss.

Hat „24“ Ihre Karriere verändert?
Sehr! Ich bekam kaum noch Angebote, bevor ich 2001 die Rolle des Agenten Jack Bauer übernahm. Das war seltsam, hatte ich doch in ein paar sehr erfolgreichen Filmen wie „Stand By Me“, „The Lost Boys“ und „Flatliners“ gespielt. „24“ änderte einfach alles. Aber ich muss sagen, dass die Serie eine großartige Teamleistung ist. Wir haben uns dafür fast totgearbeitet.

Hat Jack Bauer eigentlich jemals gelacht?
Nur ein einziges Mal, in der dritten Staffel, als er Nina Myers verhaftet hat – sie hatte zuvor Jacks Frau ermordet. Ansonsten ist er natürlich sehr beschäftigt damit, die Welt zu retten. Aber das ist genau das, was die Zuschauer an ihm ­lieben: Er nimmt nie den leichtesten Weg.

Gab es mal einen Tag in Ihrem Leben, der etwas von „24“ hatte? Einen Tag, an
dem Sie einige unerwartete Dinge auf einmal bewältigen mussten?

Das war der Tag, an dem meine Tochter Sarah geboren wurde, 1988. Meine damalige Frau Camelia war mit ihr schwanger, und der Arzt hatte ihr schon vor Wochen mitgelteilt, dass sie per Kaiserschnitt zu Welt kommen müsste. Ich war gerade am Set von „Young Guns“, saß irgendwo am Ende der Welt auf einem Pferd, als Camelia Wehen bekam, obwohl der Geburtstermin erst in fünf Tagen sein sollte. Der Produzent organisierte ein Flugzeug, das auf einem Feld landete, mich auflas und ins Krankenhaus zur Geburt meiner Tochter flog. Das waren ganz klar die unglaublichsten, wunderbarsten, ängstlichsten und witzigsten 24 Stunden, die ich in meinem Leben jemals erlebt habe.

Florian Haertel, Mathilde Bernard