Johnny Depp im Exklusiv-Interview

Tiefe Einblicke

Er ist der geheimnisvollste Star in ­Hollywood. Weil er undurchschaubar ist und so viele Facetten hat. In Interviews gibt sich Johnny Depp meist verschlossen. Vor allem über seine Familie, Lebensgefährtin Vanessa Paradis, 36, Tochter Lily-Ro

Offen wie nie erzählt er, wie schön es ist, seine Kinder aufwachsen zu sehen. Wie er einem Freund jetzt seinen letzten Wunsch erfüllte und warum er sich so sehr für seine Kollegin am Set seines aktuellen Films „Public­ Enemies“ einsetzte.

In „Public Enemies“ spielen Sie den Bankräuber John Dillinger, der in den 30er-Jahren berühmt wie ein Filmstar wurde. Konnten Sie sich mit ihm identifizieren?
Eine kriminelle Karriere habe ich bisher noch nicht in Erwägung gezogen, auch wenn ich als Schauspieler mein Geld mit professioneller Täuschung verdiene! (lacht) Aber Dillinger­ faszinierte mich lange vor dem Film, weil ich eine Schwäche für Außenseiter habe. Auch ich hatte nie das Gefühl, ein funktionierender Teil der Gesellschaft zu sein. Doch Dillinger genoss seine Popularität und konnte zur Not sehr gut untertauchen. Mir wird Anonymität wohl ­immer fehlen.

Was fehlt Ihnen besonders?
Es ist zum Beispiel völlig unvorstellbar, dass ich mit den Kindern einkaufen oder einfach so durch Disneyland gehe, ohne mich wegen der vielen Blicke wie ein Freak zu fühlen. Auch wenn ich weiß, dass es nicht böse gemeint ist.

Verbringen Sie Ihre Freizeit nicht ohnehin lieber in Ihrem Haus in Südfrankreich?
Nein, nicht mehr. Seit meine Kinder alt genug sind, um in die Schule zu gehen, sind wir hauptsächlich in Los Angeles. Frankreich war für mich ein großer Luxus, und es tat mir gut, einige Zeit abseits der Filmbranche zu verbringen und ein ganz einfaches Leben zu führen. Durch den Abstand gewann ich auch einen ungetrübten Blick auf meine Heimat Amerika. Ich bin jetzt wieder gern in Kalifornien, die Mehrzahl meiner Freunde lebt dort. Und es ist mir sehr wichtig, dass die Kinder einen festen Lebensmittelpunkt haben.

Könnten Sie sich vorstellen, für immer ein Leben ohne Besitztümer wie auf Ihrer Privatinsel in den Bahamas zu führen?
Natürlich. Für mein Glück brauche ich am Ende des Tages nichts außer meiner Familie. Und mir ist auch klar, dass eine Insel für jeden anderen wie eine gewaltige Extravaganz klingt. Doch in dem Leben, das mir geschenkt wurde, ist ein Fluchtpunkt essenziell. Ein Ort, an dem ich ungestört spazieren oder vor mich hinsabbern kann, wenn mir danach ist. (lacht)

Das klingt ein bisschen so, wie andere sich ein Leben als Rentner vorstellen…
Wissen Sie, das Gegenteil ist der Fall. Ich fühle mich noch immer wie der 20-jährige Grünschnabel, dem der Ball in die Hand gedrückt und dann gesagt wurde: „Hier ist deine Chance, jetzt lauf los und mach das Beste draus!“ Ab und zu muss ich dabei halt nur mal verschnaufen.

Hat sich nicht vieles durch den Erfolg der „Fluch der Karibik“-Filme massiv verändert?
Zugegeben: Dieser ganze Zirkus in meinem Umfeld nimmt oft bizarre Ausmaße an. Alles wirkt schneller und lauter, immer mehr Leute wollen ein Stückchen von mir. Das war gewöhnungsbedürftig, doch ich konnte Hintergrundgeräusche schon immer ganz gut ausblenden.

Wie kommen Sie am besten zur Ruhe?
Der Trick ist Musik, die ich andauernd und überall laut laufen habe. Da mögen noch so viele Menschen vor dem Hotelzimmer auf mich warten. Ich lege einfach eine gute Platte auf, lasse mich von der Stimmung der Songs einfangen und bin sofort ganz bei mir. Deshalb komme ich wohl auch dauernd zwei Stunden zu spät zu Terminen! (lacht) Nein, das Einzige, was sich in den letzten zehn Jahren wirklich verändert hat, sind meine Kinder. Erst kamen sie wie durch ein Wunder in mein Leben – und nun genieße ich die pure Schönheit des Gefühls, ihnen beim Heranwachsen zuzuschauen.

Ihre „Public Enemies“-Partnerin Marion Cotillard sagt, dass Sie wie ein Mann aus einer anderen Zeit seien. Gibt es eine Ära, in der Sie gern gelebt hätten?
Warum nicht? Nehmen Sie etwa die 30er: Da trugen Männer noch Hüte, Anzüge, Mäntel oder Krawatten. Es schien mir insgesamt ein stärkeres Bemühen um Individualität zu geben, die im Laufe der Jahre verloren gegangen ist. Heute sagen alle dasselbe, ziehen dasselbe an, und aus jedem Autofenster wummert einem derselbe verdammte Hit entgegen. Ich glaube schon lange, dass die Macht der neuen Technologien unsere Menschlichkeit verdirbt und wir als Gesellschaft gegen die digitale Wand gefahren sind. Unfassbar zum Beispiel, was in Realityshows zu sehen ist. Warum drängt jeder ins Fernsehen, um sich gut zu fühlen? Wenn ein Mann der alten Schule wie Dillinger das sehen könnte, würde er angesichts des Wahnsinns unserer Zeit schreiend davonlaufen! (lacht)

Was macht Ihrer Ansicht nach einen echten Mann aus?  
Eine sehr gute Frage! (überlegt) Bei mir war es offensichtlich meine Geschlechtsumwandlung damals! (lacht) Ich weiß nicht, ich bin nicht gut darin, mir auf die Schulter zu klopfen. Doch ich denke, dass manche Werte sich in Jahrhunderten als unzerstörbar erwiesen haben. Der Schutz der Familie, Treue seinen Liebsten gegenüber, Toleranz zu Mitmenschen. So etwas beeindruckt mich. Und für meine Begriffe ist letztlich nichts erstrebenswerter für einen Mann, als ein guter Vater zu sein. Mehr kann man nicht verlangen.

Wie man hört, sind Sie auch ein Gentleman und haben Marion Cotillard darin unterstützt, im Film keine Nacktszene drehen zu müssen.
Ja, es gab diese Debatte beim Dreh. Doch ich betrachte es als meinen Job, dass sich Kollegen vor der Kamera wohl neben mir fühlen und tue dafür, was ich nur kann. Gegenseitiges Vertrauen ist alles in der Schauspielerei, und wenn es Marion geholfen hätte, dass ich einen Skianzug im Hochsommer trage, wäre das auch kein Problem gewesen.

Was sagen Sie generell zu Nacktszenen?
Grundsätzlich bin ich dagegegen. Sobald sich ein Schauspieler auf der Leinwand entblößt, ob Mann oder Frau, kann das Publikum gar nicht anders, als die Intimbereiche von Leuten anzustarren, die man sonst nur bekleidet sieht. Mich haut das aus Filmen jedenfalls immer raus, sofort kann ich der Story nicht mehr folgen.

Apropos Intimsphäre: Marion Cotillard will recherchiert haben, dass Dillinger extrem gut bestückt war …
Ja, das haben meine Recherchen auch ergeben. Daran können Sie sehen, wie ernst ich meinen Beruf nehme! (lacht) Welch glücklicher Umstand also, dass er und ich exakt die gleiche Ausstattung haben. Sonst hätte ich die Rolle ja auch unmöglich spielen können. Ich bin ja bekanntlich ein Penis-Method-­Actor! (lacht)

Mit „The Rum Diary“ haben Sie gerade Ihren ersten Film gedreht, bei dem Sie auch Produzent waren. Wollen Sie zukünftig mehr Verantwortung für Ihre Stoffe übernehmen?
Ich weiß nicht, ob ich wirklich produziert habe, ich hing bloß dauernd auch hinter den Kulissen herum. (lacht) Doch die Verfilmung dieses Buches meines alten Freundes Hunter S. Thompson ging mir extrem nahe. Vor ungefähr zwölf Jahren kramten Hunter und ich in einer Kiste herum und entdeckten dieses Manuskript, das er eigentlich schon völlig vergessen hatte. Damals schworen wir uns, dass es das Buch nur als Film geben würde, wenn wir es zusammen machen. Über die Jahre haben wir immer wieder daran gearbeitet, bevor Hunter seinen Abgang von dieser Welt machte (Thompson begang 2005 im Alter von 67 Jahren Selbstmord, Anm. d. Red.). Ich bin noch da. Und obwohl es mir emotional manchmal schwer fiel, war es meine Pflicht, den Deal mit meinem Freund zu ehren.

Roland Huschke