Jessica Schwarz über ihre Verwandlung in Romy Schneider

'Ich mache was ich will'

Auch wenn die Schauspielerin so selbstbewusst wirkt – Jessica Schwarz hat oft große Angst, zu scheitern …

Sie erlebt gerade die intensivste Zeit ihrer Karriere. Drei Jahre arbeitete Jessica Schwarz, 32, durch, spielte eine Hauptrolle nach der nächsten. Dabei bekam sie weder ihr Zuhause in Berlin noch ihre Familie im Odenwald zu Gesicht. Doch der Einsatz hat sich gelohnt: Diesen Monat sehen wird das Ergebnis, erst im ARD-Film "Romy" über das Leben von Romy Schneider und dann im Kinofilm "Die Tür". Bei all dem Erfolg musste das Privatleben erst mal zurückstehen, wie sie im Gespräch mit OK! erklärt …

Sie tragen einen wunderschönen Ring. Haben Sie uns etwas verschwiegen?
Nein, den haben meine Eltern selbst entworfen und mir geschenkt, als ich irgendwann (nach der Trennung von Schauspieler Daniel­ Brühl, mit dem sie verlobt war, Anm d. Red.) keinen Ring mehr am ­Finger hatte.

In "Die Tür" spielen Sie selbst eine Mutter. Hat das Ihre Muttergefühle wachgekitzelt?
Natürlich, die habe ich schon durch meine Neffen entdeckt. Mir ist bewusst, dass ich das Muttersein nicht missen möchte. Es ist ein großes Abenteuer, aber es bedeutet auch sehr viel Verantwortung. Im Moment könnte ich es noch nicht nachvollziehen, wie das wäre, jemand anderem so viel Aufmerksamkeit zu schenken.

Stichwort Abenteuer …
Ich bin jemand, der gern viel unternimmt, obwohl ich merke, dass mein Sofa auch ganz toll sein kann. Vor allem, wenn wie jetzt so viel zu tun ist. Aber normalerweise brauche ich meine Reisen, das Wegkommen, das Neue. Ich will nicht stehen bleiben.

Kennen Sie den Grund für Ihre Rastlosigkeit?
Es ist dieses Sich-spüren-wollen, was so ­wichtig ist. Wenn man viel Zeit mit seinen Rollen verbringt, kann man sich kaum die Zeit nehmen, um etwas regelmäßig zu tun. Man fragt sich eher spontan: Was fange ich denn jetzt mit mir an?

Und wenn andere Ihnen Grenzen aufzeigen?
In meinem Privatleben sollte man mir nicht erzählen, was ich zu tun habe. Das habe ich im Berufsleben den ganzen Tag.

Woher hatten Sie den Mut, Romy Schneider zu verkörpern?
Ich wurde zu einer mutigen Person erzogen. Als ich die Einladung zum Casting bekam, war ich erst mal unglaublich stolz. Ich habe mich dann sehr gut vorbereitet, bin aber nicht zum Casting gefahren. Mein Bauchgefühl und meine Intuition haben mir gesagt: Tue es nicht!

Dann muss Ihre spätere Zusage eine sehr emotionale Entscheidung gewesen sein …
Ich habe in dem Bewusstsein zugesagt, Romys Leben zu kennen und zu wissen, dass so etwas gefühlsmäßig so schnell nicht mehr kommen wird. Es war das erste Mal, dass ich jemanden verkörpern durfte, der gelebt hat. Als Schauspielerin ist sie mein großes Vorbild. Ich wollte für mich herausfinden: Wie breche ich für mich ihren Mythos?

Waren Sie unsicher, ob Sie es auch schaffen?
Wenn eine Szene mal mit dem kollidierte, was ich gerade empfand, dachte ich: Ich bekomme diesen Satz einfach nicht über die Lippen. Oder als wir die Szenen im Theater auf Französisch gedreht haben: Bühnenarbeit ist mir fremd und meine Angst zu scheitern war unfassbar groß.

Haben Sie damals ans Aufgeben gedacht?
Es gab Tage, an denen ich nicht wusste, ob ich das hinbekommen kann: die kranke Romy im Bett zu spielen oder Romy in ihrer Rolle als Sissi. Es war furchtbar, in eine 19-Jährige zu schlüpfen und zu spüren: Ich bin hier vollkommen falsch! Es war mir ein Widerwille, fast eine Unmöglichkeit.

Wer gibt Ihnen in so einer Situation Halt?
Dass ich während eines Drehs verzweifle, passiert mir eigentlich bei jedem Film. Es hilft schon, wenn die Kollegen am Set sagen: Das ist normal. Jeder verliert doch mal die Nähe zur Figur. Aber ich werde dann oft unfassbar wütend auf mich und es fällt mir schwer, mich wieder zu beruhigen.

Gibt es eine Seite an Romy, die Sie gern hätten?  
Ich bin eigentlich gern so, wie ich bin. Aber natürlich habe ich Vergleiche gezogen und Parallelen gespürt. Romy hatte einen großen Gerechtigkeitssinn. Das bewundere ich an ihr und versuche, den auch zu haben. Ich glaube, sie war da etwas stärker. Aber das hat sie auch kaputt gemacht. Sie wollte einfach zu viel Harmonie herstellen.

Sind Sie stolz auf den Film?  
Als ich den Film das erste Mal sah, musste ich plötzlich anfangen zu weinen. Das kam mit einer Heftigkeit aus dem Nichts, so hatte ich schon sehr lange nicht mehr geweint. Die ganze Energie und Kraft, die wir in den Film gesteckt haben, ist in einem Schwall von mir abgefallen.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit diesem Film künstlerisch ausgereift sind?
Ich hoffe nicht! Man wächst ja mit jedem Film und reift mit jeder Erfahrung, die man macht. Ich bin noch lange nicht am Ende!

Romy Schneider hat für Ihren Beruf viele Kompromisse gemacht. Wo ziehen Sie die Grenze?
Ich arbeite gern und weiß: Wenn ich viel Arbeit habe, bin ich produktiv und konzentriert. Wenn ich aber zum Beispiel anfange zu verschlafen, muss ich aufpassen. Ich brauche Input, um Output zu geben. Input kommt durch Freiheit und nicht durch ein durchgeplantes Leben. Dann muss ich auch mal ein Projekt absagen und brauche eine Ich-Zeit.

Führt Kontrolle im Beruf zum Exzess im Privaten?
Ja! (lacht)

Wie sieht das bei Ihnen aus?
Das verrate ich nicht, aber es bewegt sich bei mir noch in einem gesunden Maßstab. Okay, ich rauche viel und trinke auch manchmal. Aber das gehört dazu: Das spiegelt irgendwie meine innere Zerrissenheit wider, die sich auch in meinen Rollen zeigt. Wenn ich jetzt anfinge, das genau zu erklären, würde ich mich entzaubern.

Kati Degenhardt