Mariah Carey im Interview

So will sie ihr Diva-Image ablegen

In dem Oscar-prämierten Kinodrama „Precious“ spielt die Sängerin eine Sozialarbeiterin – ungeschminkt und ohne Allüren. Uns verrät Mariah Carey, wie sie die Rolle so glaubhaft verkörpern konnte.

Von der verwöhnten Diva zur uneit­len Charakterdarstellerin? Ausgerechnet Mariah Carey, 41, erstaunt uns jetzt mit einem großartigen Auftritt in dem Milieudrama „Precious – Das Leben ist kostbar“, das zwei Oscars abräumte. Darin spielt sie eine Sozialarbeiterin, die einen Fall von Kindesmissbrauch aufdeckt. Und ist kaum zu wiederzuerkennen: ungeschminkt, ungestylt, unprätentiös. Beim OK!-Interview im Designhotel „3.14“ in Cannes ist Mariah aber wieder ganz die Alte. Zumindest optisch: aufgedonnert in einem sexy Strickkleid, hauteng natürlich. An der linken Hand funkelt ein Ring in Form eines Schmetterlings, der über und über mit Diamanten besetzt ist. Ein Schmuckstück, das für sie eine besondere Bedeutung hat, wie sie später verrät …
 
Sie als Sozialarbeiterin in einem Armen­viertel. Das passt doch gar nicht!
Wir haben doch alle schon Leid erfahren. Wir mussten lernen, im Leben auch mit ­unschönen Dingen klarzukommen. Ich will gar nicht ins Detail gehen, aber jeder von uns hat doch irgendein Päckchen zu tragen, irgendeine Geschichte erlebt, die ihn belastet.

In „Precious“ wird ein Mädchen vom Vater missbraucht und bekommt zwei Kinder von ihm. Ziemlich starker Tobak …
Ja, die Geschichte haut einen um. Es ist zehn ­Jahre her, dass ich mich in das Buch von der Schriftstellerin Sapphire verliebt habe. Und jetzt bin ich genau so sehr in den Film verliebt. So düster und hart er ist, dieser Film macht Hoffnung.

Gibt es irgendeine Verbindung zwischen
Ihrer eigenen Glamourwelt und dem ­sozialen Brennpunkt Harlem in New York?
Oh ja, mein Vater und meine Großmutter stammen aus Harlem, ich habe dort noch viel Familie. Auch wenn ich selbst heute nicht mehr dort lebe, weiß ich genau, wie es sich anfühlt. Ich weiß auch, dass mir das kaum jemand abnimmt, weil die meisten mich ganz anders sehen.

Man muss dreimal hinschauen, um Sie in der Rolle der grauen Maus vom Sozialamt wiederzuerkennen
Ich weiß, ich mochte selbst kaum hinschauen! (lacht)
 
Ihre Eitelkeit konnten Sie einfach so ausschalten?
Zuerst habe ich gejammert, weil ich so schlimm aussehe. Das war aber auch hart: Neonlicht, null Make-up außer Ringe unter den Augen, die Haare dunkel. Ich laufe sogar anders, weil man dieser Frau ansieht, dass sie den Job seit Jahren macht und am Ende ihrer Kräfte ist. Es war nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Verwandlung in eine andere Person.
 
Wie haben Sie das hinbekommen?
Für manche Rollen muss man Pfunde loswerden. Ich musste mich selbst loswerden. Wenn man mich nicht erkennt, dann ist das ist für mich das größte Kompliment.

Am Filmset gab’s keine Sonderbehandlung für Sie: In einem Wohnwagen war Ihre Garderobe untergebracht, Ihren Bodyguard mussten Sie zu Hause lassen.
Ich bin doch nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren! Im Gegenteil: Dieser Wohn-Trailer war schöner als die Wohnung, in der ich als Kind gewohnt habe! Und wozu sollte ich eine Entourage­ am Set haben? Das hätte nur abgelenkt!
 
An Ihrem Finger blitzt ein riesiger Diamantring – was hat es damit auf sich?
Meine Scheidung von Tommy Mottola vor 13 Jahren wurde für mich zur Befreiung. Um mich daran zu erinnern, trage ich diesen Schmetterlingsring. Es war so, dass ich damals nichts Neues ausprobieren durfte. Filme zu drehen war verboten. Und ich war so jung und dumm, dass ich mir das alles bieten ließ. Umso befreiender war es, endlich all das zu machen, worauf ich Lust hatte.
 
Wie haben Sie Ihre persönliche Kehrtwende hinbekommen?

Ich habe kapiert – auch durch den Flop von „Glitter“ –, dass ich nicht alles machen kann. Dass ich zwischen Leben und Arbeit eine gesunde Balance brauche. Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, sich alles mal in Ruhe aus der Entfernung anschauen und eine neue Richtung einschlagen. Und auch akzeptieren, dass man nicht immer nur Erfolg haben kann.
 
2001 spielten Sie die Hauptrolle in „Glitter“, der ein riesiger Flop wurde. Welche Rolle spielen Filme heute in Ihrem Leben?
Ich wurde damals nicht gut beraten und hatte auch keine Ahnung, wo es privat und beruflich hingehen soll. Daraus habe ich gelernt.

Was war die wichtigste Entscheidung Ihres Lebens?

Ich stand oft an Kreuzungen und musste überlegen, wo ich hinwill. Manche Entscheidungen waren gut, manche schlecht. Die Wichtigste war, noch einmal zu heiraten. Und ich bin ganz sicher, dass das richtig war!

Mariam Schaghaghi

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