Hollywood hungert: Der Kampf um Kilos und Karriere

Sie werden immer dünner!

So schlimm war es noch nie: Immer mehr Hollywood-Stars magern erschreckend ab, um ihren Marktwert zu steigern. Wirklich ein mörderischer Plan...

Ausgerechnet der mächtigste Mann der Welt goss noch mehr Öl ins Feuer:
Als Barack Obama, 47, letzte Woche von US-Moderator Matt Lauer erfuhr, dass die Zeitschrift „US Weekly“ statt der Präsidentenfamilie eine deutlich runder gewordene Jessica Simpson, 28, aufs Titelblatt genommen hatte, grinste der amerikanische Präsident – und sagte: „Oh, das tut weh. Da hatten wir wohl nicht genügend Gewicht.“ Und so bekam die Schauspielerin ein weiteres Mal ihr Fett weg. Geradezu hysterisch wurde zuletzt in den US-Medien Simpsons Gewichtszunahme diskutiert. Dabei dürfte ihr Body-Mass-Index (BMI) im absolut normalen Bereich liegen. Aber Normalität kann Hollywood offensichtlich nicht gebrauchen. Seit je wird die Traumfabrik – abgesehen von einzelnen Femmes fatales wie Marylin ­Monroe – von zierlichen Elfen beherrscht.

Dementsprechend heißt Katie Holmes’ persönliches Vorbild denn auch nicht Liz Taylor, sondern Audrey Hepburn. Und weil Katie von Natur aus nicht so zart gebaut ist wie Audrey, hat sie sich nun auf deren Statur heruntergehungert. Bei einer Größe von  1,75 Metern wiegt die 30-Jährige nur noch 49 Kilogramm. Das entspricht einem BMI von 16. „Wer unter einen Wert von 17,5 fällt, gilt als magersüchtig“, so Dr. Birgit Mauler, leitende Psychologin an der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Und: „Magersucht ist die tödlichste aller psychischen Erkrankungen.“ Rund 20 Prozent der Betroffenen sterben an ihrer Sehnsucht nach dem Schlanksein. Noch befindet sich Katie wohl nicht in akuter Lebensgefahr, aber ihr Verhalten gibt Anlass zu großer Sorge: „Sie isst extrem wenig“, so ein Bekannter der Schauspielerin. „Manchmal fastet sie tagelang und steht jeden Tag mindestens eine Stunde auf dem Laufband.“ Und eine Verkäuferin aus einer New Yorker Boutique berichtet, Katie habe bei ihr kürzlich ein Jäckchen in Größe 34 gekauft. Ihr Ziel sei allerdings die in Hollywood begehrte Größe 32 – Size Zero.

Size Zero passt auch Victoria Beckham, 34, und neuerdings auch wieder Lindsay ­Lohan, 22. Schien es an der Seite von DJane Samantha Ronson, 31, zunächst so, als habe Lindsay sowohl Kokain- als auch Magersucht überwunden, so hat sie nun wohl einen schweren Rückfall erlitten (OK! berichtete). „Gerade junge Stars kommen oft nicht mit dem Druck zurecht, der durch die öffent­liche Beobachtung entsteht“, erklärt die Lüne­burger Kinder- und Jugendtherapeutin Anne Narciß. Der Verlust von Gewicht dient nicht selten als Entlastung. Gerade, wenn der Boden unter den Füßen wackelt, kann Nicht-Essen das Gefühl vermitteln, die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten. Erschreckende Einblicke in das Denken und Fühlen von Magersüchtigen gewähren zahlreiche Foren im Internet. Junge Frauen bestärken sich hier darin, dass es gut ist, magersüchtig zu sein. Mit herzerweichenden Begründungen: „Weil nichts so gut schmeckt wie das Gefühl, dünn zu sein. Weil dein Freund dann eine graziöse Elfe hat, statt eines fetten Elefanten. Weil man dann nie mehr neidisch auf dünnere Mädchen sein muss. Weil zierlich und zerbrechlich einfach liebenswert ist …“ Als zusätzlicher Ansporn dienen so­genannte „Thin­spirations“ – ­Fotos von Frauen mit ex­trem spitzen Schultern oder besonders knabenhaften Hüften. Zu den Ikonen des Magerwahns gehören Victoria Beckham und Keira Knightley, 23. Letztere verbat sich aber gerade erst wieder Mutmaßungen über eine angebliche Essstörung. „Diese Gerüchte können meine Karriere zerstören, denn wenn ich krank wäre, könnte ich keine Action-Filme drehen, die ich jetzt gerade mache“, so Keira gegenüber dem Internetdienst „FemaleFirst“. Allerdings habe sie einige Erfahrungen mit dem Thema. Knightleys Großmutter und Urgroß­mutter hätten unter Magersucht gelitten. Selbst sei sie allerdings ein Fan der indischen Küche – und liebe es, „zu Hause Bier zu trinken und Currys zu verspeisen“. Klingt vernünftig – hat aber einen bitteren Nachgeschmack. Laut Therapeutin Narciß vererbe sich eine Essstörung oft über mehrere Generationen – und der BMI von Keira dürfte mit Sicherheit unter 17 liegen.  

Dass sich aber nicht nur sehr junge Stars dem Schlankheitsdiktat der Traumfabrik unterordnen, beweisen die Beispiele von Nicollette Sheridan, 45, oder Catherine Zeta-Jones, 39. Vorbei die Zeiten, als Letztere der lebende Beweis dafür war, dass sich auch mit Kurven Karriere machen lässt. Neuerdings zeigt Catherine stolz den Durchblick zwischen ihren Oberschenkeln und ein zusammengeschrumpftes Paar Hüftknochen. Kollegin Sheridan wetteiferte zunächst mit ihren „Desperate Housewives“-Kolleginnen um die kleinste Jeansgröße, dann kam der Liebeskummer nach der Trennung von Michael Bolton, 55, hinzu – und jetzt sieht es so aus, als drehe sich ihr gesamtes Leben nur noch ums Abnehmen.

„Nicht nur die Jungen erkranken an Magersucht“, so Therapeutin Narciß. „Auch Frauen um die 40 sind gefährdet.“ Ähnlich wie Pubertierende unter den Veränderungen ihres Körpers litten, könne auch das Älterwerden zu Essstörungen führen. Schlanksein wird eben mit Jugendlichkeit verbunden. Mit Lebendigkeit und Liebreiz. Laut Dr. Mauler auch mit „Glück und Erfolg“. Das sei auch nicht weiter schlimm – kritisch werde es aber dann, „wenn Schlanksein das einzige ist, was Selbstwert vermittelt.“

In Hollywood tritt neben den Selbst- auch noch der Marktwert. Und der scheint, nach Ansicht vieler Stars mit sinkender Kleider­größe rapide zu steigen. Dass es aber auch jenseits von Elfen oder Elefanten durchaus möglich ist, Karriere zu machen, beweisen Stars wie ­Reese Witherspoon, 32, Katherine Heigl, 30, oder Scarlett Johansson, 24. Sie zählen zu den bestverdienenden Schauspielerinnen in Hollywood – und ihr Body-Mass-Index liegt garantiert nicht unter 17.
Übrigens: Dass es auch hierzulande nicht ganz einfach ist „normal“ zu sein, zeigte recht anschaulich  die Werbekampagne der Firma Dove. Obwohl dort normalgewichtige Frauen abgebildet sind, hieß es immer: „Ach, das ist doch die Werbung mit den Dicken.“

Nicolle Hofmann