Meryl Streep - Auch Stars quälen Selbstzweifel

Exklusiv-Interview

US-Star Meryl Streep ist eine der besten Schauspielerinnen in Hollywood. Trotzdem quälen sie Selbstzweifel.

Einmal mehr zeigt sie ihre faszinierende Wandlungsfähigkeit: War Meryl Streep, 59, gerade noch als lebenslustige, singende Mutter in „Mamma Mia!“ zu sehen, spielt sie nun in „Glaubensfrage“ eine strenge Ordensschwester. Ein Einsatz, der sich gelohnt hat: Für diese Rolle wurde sie zum 15. Mal für einen Oscar nominiert. Damit hält sie den Rekord – noch vor Katharine Hepburn und Jack Nicholson mit je zwölf Nominierungen.

Hat es Ihnen Freude gemacht, diese bigotte Ordensschwester in „Glaubensfrage“ zu spielen?
Eine ganz wunderbare Rolle, die mich sehr gefordert hat. Außerdem mochte ich die Ordens­tracht. (lacht) Und das Beste: Ich hatte den ganzen Film über keine Probleme mit meinen Haaren.

Sind Sie eigentlich gläubig?
Nicht wirklich. Ich gehe weder in eine Kirche, in einen Tempel, eine Synagoge oder einen Aschram. Aber natürlich gibt es im Leben viele Dinge, die sich einer rationalen Analyse eher entziehen.  

Sie spielen oft sehr strenge Rollen. Sind Sie als Mutter auch so hart?
Da müssen Sie meine Kinder fragen, aber die sind ja inzwischen volljährig. Und da aus ihnen allen etwas geworden ist, kann meine Erziehung wohl nicht so viel Schaden bei ihnen angerichtet haben. Mein Mann und ich haben immer versucht, unseren Kindern gute Werte zu vermitteln und Richtlinien aufzuzeigen, an die sie sich halten konnten. Aber je älter sie wurden, desto unabhängiger und freier wurden sie auch, was ja ganz normal ist. Wir hatten immer viel Verständnis und Toleranz füreinander. Aber das Allerwichtigste ist Vertrauen.

Wie haben Sie reagiert, als Ihnen Ihre Tochter Mamie eröffnete, dass sie auch
Schauspielerin werden will?

Ich habe nicht versucht, sie davon abzuhalten. Obwohl ich natürlich sehr genau wusste, was sie erwarten wird. Und das Leben im Rampenlicht ist sicher kein Zuckerschlecken, das können Sie mir glauben.

Sie sind seit über 30 Jahren Schauspielerin …
… und hoffe, es auch noch lange zu bleiben. Die Schauspielerei ist für mich wie Atmen. Ich brauche sie zum Leben. Ich glaube, ich würde verrückt werden, wenn ich nicht spielen könnte.  

Sie wurden gerade wieder für den Oscar nominiert. Zwei haben Sie bereits zu Hause. Werden Sie bei dieser Verleihung noch aufgeregt sein?
Und wie! Ich bin jedesmal total durch den Wind, wenn ich nominiert bin. Das macht mich hypernervös, ängstigt mich zu Tode und bringt mein Blut so richtig in Wallung. Für mich ist Hollywood ein fremder Planet. Ich fühle mich dort überhaupt nicht heimisch, sondern immer noch seltsam fremd. Hollywood hat mit meinem privaten Leben überhaupt nichts zu tun.    

Und das, obwohl Sie dort regelrecht verehrt werden!
Wirklich? Davon habe ich noch nichts gemerkt. (lacht)

Plagen Sie manchmal auch Selbstzweifel?
Immer öfter. Solange Selbstzweifel den kreativen Prozess fördern, sind sie sogar etwas Positives und bewahren einen davor, sich allzu sicher zu fühlen und in Routine zu verfallen. Aber in letzter Zeit erfasst mich kurz vor Drehbeginn eine regel­rechte Panik. Obwohl ich eigentlich immer gut vorbereitet bin. Da frage ich mich plötzlich: „Was machst du eigentlich hier? Bist du noch gut genug?“ Oder: „Warum haben die Produzenten dich überhaupt besetzt?“ Das ist wirklich schrecklich.

Wer kann Ihnen diese Zweifel nehmen?
Mein Mann. Er sagt jedesmal: „Schatz, das machst du bei jedem Film. Das gehört bei dir dazu.“ Ich sage dann: „Nein, nein, das war noch nie da! Das muss am Film liegen!“ Meistens zuckt er dann mit den Achseln und geht Golf spielen.

„Solange man selbst bügelt, steigt einem der Erfolg nicht zu Kopf“, haben Sie mal gesagt. Bügeln Sie denn immer noch selbst?
(lacht) Ja, denn heutzutage kann niemand mehr richtig bügeln! Deshalb übernehme ich das lieber selbst. Sie glauben doch nicht, dass auch nur eine meiner drei Töchter bügeln würde?! Und ich bin wirklich zutiefst davon überzeugt, dass es gut für uns ist, wenn wir all die Dinge, die mit dem alltäglichen Leben zu tun haben, selbst erledigen. Gut für den Körper und gut für den Geist.

Viele Superstars umgeben sich mit einer Entourage von Agenten, Publizisten, Sekretärinnen …
Ich ganz bestimmt nicht. Ich habe eine Assistentin, aber die liest nicht einmal Drehbücher. Ich habe eine Agentin, die mir ausgewählte Stoffe zuschickt. Die sind meist handverlesen. Denn sie weiß ganz genau: Ich kann ziemlich stinkig werden, wenn man mir Mist zuschickt.

Fällt es Ihnen leicht, Beruf und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen?
Eigentlich schon. Mein Mann und ich verbringen die Zeit, die wir miteinander haben, sehr intensiv. Aber wir lassen uns auch den nötigen Freiraum. Er geht gern golfen – ich ins Theater. Ich interessiere mich auch sehr für Musik. Da kann ich wunderbar abschalten und meine Batterien wieder aufladen. Das ist unglaublich erfüllend. Ich höre alles – Pop, Rock, Klassik. Aber meine neueste Leidenschaft ist YouTube.

Vorsicht, YouTube kann süchtig machen!
Da sehe ich keine Gefahr. Denn ich wähle immer sehr gezielt aus. Vieles, was da im Netz steht, ist der reinste Schrott.

Waren Sie in Ihrem Leben jemals in Gefahr, total abzustürzen?
(denkt lange nach) Ich glaube, ich habe mich dann doch immer instinktiv vom Klippenrand ferngehalten. Vielleicht nicht immer aus eigener Kraft – denn ich hatte in schweren Zeiten oft auch das Glück, die richtigen Menschen zu treffen. Mein Mann Don ist auf jeden Fall so ein Lebensanker gewesen. Und ist es immer noch. Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn täte.

Ulrich Lössl