Karl Lagerfeld: Audienz beim Modepapst

Cool, nicht kühl

Audienz beim Modepapst: Doch der Designer ist längst nicht so unterkühlt, wie man vermutet hätte...

Warten auf „Karl den Großen“. Für diesen Termin hatte sich selbst die Kamerafrau eines Regionalsenders die Fingernägel lackiert und überlegt: Ist eine Jeans heute passend? Eher nein. Deshalb sind es herausgeputzte Journalisten, die Karl Lagerfeld, nach eigenen Angaben 70, zum Baubeginn des Hamburger Luxus-Wohnprojekts „Sophienterrassen“ nervös erwarten. Dass sich der Designer allerdings „um mindestens eine halbe Stunde verspäten“ wird, merkten die Gela­denen schnell an der Raumtemperatur. „Bis Herr Lagerfeld kommt, wird Energie gespart“, stichelt eine Dame pikiert, als nach der Ankündigung plötzlich das Surren der Heiz­lüfter verstummt.

„Ich muss pünktlich sein? Ich bin doch nicht in der Schule!“, entschuldigt der Modeschöpfer später seine einstündige Verspätung,  die den Wartenden immerhin mit Lachs-Canapés versüßt wurde. Als Lagerfeld dann endlich das Podium betritt – flankiert von einem Body­guard, der auch über einen Catwalk laufen könnte – bricht Tumult aus: Kameras klicken, „Herr Lagerfeld, hier! Lächeln!“, schreien die Fotografen. „Ich lächele nie“, entgegnet der Chanel-Chefdesigner und baut sich vor einem weißen Bechstein-Flügel auf, eine Karaffe mit Pepsi light ist schon bereitgestellt. Dann bittet er zum Interview. Im Eiltempo werden Reporter durchgeschleust, denn: „Herr Lagerfeld hat Hunger“, erklärt ein Koordinator.

Er ist kleiner als vermutet. Und sympathischer. Der Wahl-Pariser spricht akzentfreies Deutsch, keine hörbare französische Atti­tüde. „Wenn ich nach Hamburg komme, kenne ich noch jede Straße“, schwelgt er in Erinnerungen an seine Kindheit in der Hansestadt. „Mein Vater hat ganz hier in der Nähe nach dem Krieg ein Haus gebaut.“ In den letzten sieben Jahren war der Künstler aber nur drei Monate an seinem Geburtsort. Sein Domizil in Blankenese hat er längst verkauft. „Ich habe noch Häuser in Monte Carlo, New York, Verona, an der kanadischen Grenze und in Paris“, erklärt er. „Mein Zuhause ist immer da, wo ich gerade bin.“ Sein Zuhause, ist das auch seine Heimat? „Heimat ist etwas, das ich nicht kenne. Ich habe weniger, als man denkt“, wird er plötzlich tiefsinnig. „Es gibt ein Kissen, das ich auf meinem ersten Flug als Kind bekam, damit fliege ich noch heute.“ Der Schriftzug „Gute Reise mit der Lokomotive“ sei darauf­gestickt. „Ich bin abergläubisch.“

Karl Otto Lagerfeldt – so sein bürger­licher Name – wirkt ausgeglichen, gut gelaunt. Einen wunden Punkt trifft man bei ihm nur beim Thema „Germany’s Next Topmodel“: „Wollen die Mädchen Model werden oder für Hausfrauenprodukte werben?“, wettert er gegen die Heidi-Klum-Show. Hinter seiner Sonnenbrille, die er für niemanden ablegt („Ich soll ja auch nicht meine Hose ausziehen“), kann man schemenhaft seine müden Augen sehen. Am Abend fliegt er schon wieder zurück nach Paris. Ein ganz normaler Tag des Modeschöpfers hat bis zu 20 Stunden, so seine Assistentin. Sein Geheimnis? „Kein Alkohol, keine Drogen, nicht rauchen, nicht viel essen. Und, wenn man schläft, gut schlafen“, sagt er. „Es muss einem einfach die ganze Welt egal sein.“

Meike Rhoden