Russell Crowe: Ich bin ein echter Glückspilz

Exklusiv im Interview

Russel Crowe: Auf einmal ist er ganz zahm – ob wir das dem einst unberechenbarsten Schauspieler Hollywoods glauben dürfen? OK! fragt nach …

Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen. Schon oft fiel Russell Crowe, 45, bei offiziellen Terminen aus dem Rahmen, war aggressiv  und schockierte mit provokanten Aussagen. Aber siehe da, zum Gespräch treffen wir einen offensichtlich gut gelaunten Crowe, um über seinen neuen Film „State of Play – Stand der Dinge“ (Kinostart: 18. Juni) zu reden. Das wollen wir ausnutzen – und stellen gleich zu Beginn eine unangenehme Frage …

Ursprünglich sollte Brad Pitt die Hauptrolle in „State of Play – Stand der Dinge“ spielen. Ärgert Sie, dass Sie nur zweite Wahl waren?
Überhaupt nicht. (lächelt zufrieden) Ich halte mich auch nicht für zweite Wahl, denn ich weiß genau, wie atemberaubend schnell sich das Starkarussell in Hollywood manchmal dreht.

Im Film geht es auch um Freundschaft und Loyalität …
… richtig. Loyalität ist auch für mich persönlich sehr wichtig.

Ist Ihre Loyalität grenzenlos? Mit anderen Worten: Wie weit gehen Sie, um einen Freund zu schützen?
Das kommt immer auf die näheren Umstände an. Absolute Loyalität gibt es, meiner Meinung nach, nicht. Da muss man die Gründe von Fall zu Fall immer ganz genau abwägen. Was ist für die betreffende Person wichtig, was für andere, was für die Gesellschaft?

Wurden Sie schon einmal von einem Freund enttäuscht oder hintergangen?
Wenn man einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, dann gibt es immer wieder sogenannte „alte Freunde“, die einen enttäuschen. Dagegen kann man sich nicht wehren. Leute, die versuchen, etwas vom Hollywood-Glamour abzubekommen. Das tut mitunter sehr weh, klar. Aber auf der anderen Seite gibt es viele Menschen in meinem Leben, die bis heute zu ihrem Wort stehen und nie versucht haben, mich übers Ohr zu hauen. Und einige wenige wissen Dinge über mich – zum Beispiel, was ich alles in meiner Jugend verbrochen habe – mit denen könnten sie ein kleines Vermögen verdienen, würden sie ­darüber reden.

Was war das Verrückteste, das Sie für einen Ihrer Freunde getan haben?
Ich habe schon so viele irre Sachen gemacht! Einmal bin ich von Dreharbeiten in Mexiko zum 40. Geburtstag meines besten Freundes nach Australien gereist. Ich habe dafür ­diverse Flugzeuge benutzt, einen Jeep, ein Motorrad und bin dann dort in diesem Pub mitten im Nirgendwo gerade noch rechtzeitig angekommen. Nie werde ich sein Gesicht vergessen, als er mich mit einem Bier in der Hand am Tresen sitzen sah.

Werden verrückte Aktionen wie diese eigentlich seltener, wenn man älter wird?
Ich hoffe nicht. Ich würde mir wünschen, dass ich auch noch mit 80 spontan bin, wenn ich es sein will. Natürlich schlage ich mit meinen 45 nicht mehr ganz so oft – und so hart – über die Stränge, wie ich es als 25-Jähriger getan habe.

Trotzdem hat man den Eindruck, dass Sie im Laufe der letzten Jahre ruhiger geworden sind.
Mag sein. Vielleicht liegt das ja daran, dass ich endlich angekommen bin. Ich habe meinen Lebensmittelpunkt gefunden – meine Familie. Was gibt es Schöneres, als mit meiner Frau, unseren beiden Kindern und ein paar hundert Rindern auf unserer Ranch in der Nähe von Sydney zu leben? Ich liebe es, den Jungs auf der Gitarre Gute­nachtlieder vorzuspielen. Oder ich setze mich auf die Veranda und singe meine Songs in die australische Nacht hinaus. Ich bin schon längst nicht mehr der Draufgänger oder der innerlich zerrissene Typ, der ich früher einmal war.

Sondern?
Ich bin ein echter Glückspilz. Danielle ­(Crowes Ehefrau, die Schauspielerin Danielle Spencer, Anm. d. Red.) und ich kennen uns schon seit über 20 Jahren und sind sechs davon verheiratet. Wir haben zwei wunderbare Söhne, Charles ist 5 und Tennyson 3. Mit ihnen verbringen wir so viel Zeit wie nur möglich. Und jedes Mal wenn ich von ihnen getrennt bin, fühle ich mich verloren. Früher zum Beispiel, wenn ich nach einem langen Flug endlich im Hotel war, habe ich mir ein Bad eingelassen, den Fernseher angestellt und die Minibar geplündert. Ich wollte nur noch allein sein und entspannen. Heute ist das Erste, was ich mache, ein Anruf zu Hause.

Was ist das Wichtigste, das Sie Ihren Söhnen beibringen wollen, um sie für diese Welt zu rüsten?
Das ist natürlich die Gretchenfrage, die sich wohl jeder Vater und jede Mutter stellt. Und das nicht nur einmal, sondern fast täglich. Für Danielle und mich ist es wichtig, unseren Söhnen etwas zu vermitteln, was man Selbstbewusstsein nennen könnte. Das bedeutet nichts anderes als die Fähigkeit, mit sich und der Welt in Einklang zu leben. Und das einem Heranwachsenden mit auf den Weg zu geben ist doch nicht schlecht, oder?

Und was ist der beste Rat, den Sie Ihren Söhnen je gaben?
(lacht) Hört auf eure Mutter!

Ulrich Lössl