Sandra Bullock: Heiraten fand ich lange blöd

Exklusiv im Interview

In ihrem neuen Film ist Sandra Bullock ein kratzbürstiger Ehemuffel – und auch privat hat sich der Hollywood-Star mit dem Bund fürs Leben jede Menge Zeit
gelassen. In OK! verrät sie, wie die Liebe dann doch alles veränderte&

Die Herzen ihrer Fans erobert sie im Sturm: Bei der Premiere von „Selbst ist die Braut“ in München erhört Sandra Bullock auf dem roten Teppich sämtliche Autogrammwünsche – und glänzt mit ihren Deutschkenntnissen. Schließlich ­lebte der Hollywood-Star bis zu seinem zwölften Lebensjahr in Nürnberg und Salzburg. Eine große Leidenschaft ist geblieben: deutsche Bratwürste! „Bis heute kann ich nicht genug davon bekommen!“ Genausowenig wie von Gelegen­heiten, ihr komödiantisches Talent auszuleben. Und das tat die 44-Jährige in ihrem aktuellen Film aufs Amüsanteste – und ohne Rücksicht auf (Image-)Verluste. Im OK!-Gespräch spricht  die Schauspielerin aber nicht nur über ihre Vorliebe für temperamentvolle Rollen, sondern auch über ihre Unlust am Heiraten – und wie es ist, dreifache Stiefmutter zu sein …

In „Selbst ist die Braut“ geben Sie anfangs eine unausstehliche Geschäftsfrau, die für die Karriere eine Scheinehe eingeht. Wie war es, mal die allseits gehasste Zicke zu spielen?
(lacht) Es war ein Traum! Drei Monate lang konnte ich mich ohne jegliches Schuldgefühl danebenbenehmen. In früheren romantischen Komödien musste ich für meinen Geschmack manchmal viel zu brav sein – so sehr liebenswertes, unschuldiges Mädchen von nebenan, dass mich das Genre irgendwann gar nicht mehr interessierte. Die Rolle als böse Bitch war dagegen wie eine Frischzellenkur. Seither hungere ich geradezu nach solchen Rollen!

Mussten Sie denn in Ihrem Leben schon mal unter despotischen Chefs leiden?
Na klar, wer hat das noch nicht erlebt? Ich hatte gemeine, giftspritzende, manipulative Bosse. Gerade ein Ort wie Hollywood ist voll von solchen Gestalten. Zu Beginn meiner Karriere gab es zum Beispiel einen Regisseur, der mir ständig einreden wollte, wie schlecht ich sei und dass ich kurz davor stünde, gefeuert zu werden. Dabei war es der Kerl bloß nicht gewohnt, mal eine Hauptdarstellerin nicht ins Bett zu bekommen! Aber man darf die Beleidigungen durch Bosse nicht persönlich nehmen. Mit etwas Abstand tun mir solche Typen fast leid. Sie mögen gut in ihrem Job sein – haben aber keinen Schimmer, wie sie mit anderen Menschen umgehen sollen. Sie sind wie unsichere Kinder, die ihren Frust kompensieren, indem sie versuchen, dass sich jeder in ihrer Umgebung so mies fühlt wie sie. 

Ihre Figur im Film wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das Heiraten ...
Wogegen ja auch nichts einzuwenden ist. Ich selbst hatte lange Zeit überhaupt keine Erwartungen an die Institution der Ehe. Ich kenne zwar Paare, die wirklich füreinander geschaffen sind. Doch für eine Menge Beziehungen scheint mir die Idee des Heiratens nicht wirklich von Vorteil, sondern ganz im Gegenteil:
Es erhöht nur den Druck. Hier in Amerika ist das Heiraten noch dazu eine große ­Industrie. Deren Profiteure haben ein Interesse daran, nur den Gang zum Traualtar als Ideal aufrecht­zuerhalten, um damit weiter viel Geld zu verdienen. Dabei ist es doch traurig, wenn wir abgenutzte Schablonen für die Liebe benutzen.

Was Sie aber nicht davon abgehalten hat, 2005 den Promi-Biker Jesse James zu heiraten …
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin keines­wegs gegen die Ehe! Und wenn zwei Menschen das für sich als gemeinsamen Lebensweg wählen – halleluja! Ich war nur nie der Ansicht, dass Heiraten das Maß aller Dinge ist. Gerade auf Frauen lastet da bis heute solch ein Erwartungsdruck! Als seien sie unverheiratet weniger wert. So ein Schwachsinn! Ich erinnere mich noch gut, wie ich jahrelang Interviews gab und unweigerlich die Frage kam: Sandy, wann heiratest du? Wann bekommst du Kinder? Danach war ich ein, zwei Tage lang regelmäßig ­frustriert. Obwohl ich auch so glücklich war – ob gerade solo oder in einer festen Beziehung – aber eben ohne Ring am Finger.

Was halten Sie von dem US-Gesetz, das erst kürzlich wieder Schwulen und Lesben das Heiraten verboten hat?
Das macht mich wahnsinnig wütend! Sie dürfen Steuern bezahlen oder im Ausland in Uniform für unsere Freiheit kämpfen, aber bei der Liebe hört die Gleichheit der Menschen auf? Es ist eine Schande! Ich habe mich gerade erst mit Jesse über das Thema unterhalten und wir sind beide der Meinung, dass die Leute ruhig auch ihren Hund heiraten dürften (lacht). Wenn ein Haustier das Wesen auf Erden ist, das ein Herz mit Liebe erfüllt – warum nicht?

Waren Sie schon immer so selbstbewusst oder ist das mit Ihrer Karriere gewachsen?
Als Jugendliche war ich anfangs eine Außenseiterin, um dann irgendwann zum ­Cheerleader zu mutieren und mich eine Zeit lang fürchterlich angepasst zu verhalten. Aber das sind Phasen, durch die wahrscheinlich jeder ­junge Mensch gehen muss. Der größte Luxus am Er­wachsenwerden ist ja dann das Bewusstsein, wie trivial viele Dinge sind. Die Wichtigkeit von Fremdmeinungen beispielsweise – im Vergleich zum Erkennen der eigenen Stärke.

Wie meinen Sie das?  
Ich meine, dass man sich von niemandem erzählen lassen sollte, was man zu tun hat. Auch nicht von mir übrigens, ich bin nur eine neuro­tische Schauspielerin (lacht). Aber sorry, es gibt so viele unausrottbare Klischees, gegen die jede junge Frau ankämpfen muss. Ich kenne viele Frauen, die ihren Beruf lieben. Manche entscheiden sich bewusst gegen eine Familie, andere balancieren Job und Privates mühelos – doch die Gesellschaft hält ihnen allen vor,
irgendwie ein Defizit zu haben, wenn sie ihre Erfüllung in der Arbeit finden. Woher kommt das? Warum wird eine Frau mit Kinderwagen grundsätzlich angelächelt, während eine Frau im Business-Kostüm und mit Laptop auch im 21. Jahrhundert noch für Getuschel sorgen kann? Dabei hat sie nichts geopfert, folgt nur ihrer individuellen Balance und macht, was sie am meisten liebt.

Sie haben sich in letzter Zeit vor der Kamera rar gemacht. Weil Sie sich mehr um Ihren Mann und dessen kleinste Tochter kümmern wollten?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich die ganze Zeit gearbeitet, aber einfach nicht genug gute Drehbücher gefunden, um meine Zeit mit solchen Filmen vergeuden zu wollen. Da habe ich doch lieber in meiner Heimatstadt Austin histo­rische Gebäude res­tauriert oder mich nebenbei hinter den Kulis­sen als Produzentin ums Kino ge­kümmert. Außerdem habe ich gerade eine kleine Bäckerei in Austin eröffnet. Und na­türlich ist meine Familie immer mit dabei, aber die Hausfrau ist eben nur einer meiner vielen Jobs. (lacht)

Wie fühlen Sie sich als Mutter?
Ich bin mit aller Liebe dabei, die mein Herz nur geben kann, doch wie jede Frau wachse ich hi­nein in diese Rolle, lerne aus Fehlern und versuche unser Kind glücklich zu machen, ohne es zu verziehen. Statt unsere Tochter mit materiellem Mist zu überhäufen, verwöhnen wir sie mit Bestätigung. Nichts ist wichtiger als ein elterlicher Satz wie: „Wir sind so froh, dass wir dich haben, du bist fantastisch.“ Wer so etwas von den Eltern hört, der kann Berge versetzen. Falls solche Bestätigung allerdings ausbleibt, kann man noch so erfolgreich sein und fühlt sich womöglich als Erwachsener noch immer unvollständig.

Roland Huschke