Robert Downey Jr. im exklusiven OK-Gespräch

'Ich war der berühmteste Junkie Hollywoods'

Hollywood hatte ihn bereits abgeschrieben: Heute spricht Schauspieler Robert Downey Jr. offen über seine Drogenvergangenheit und warum er die Arbeit zum Überleben braucht.

Wie Phönix aus der Asche. Robert Downey Jr., 44, war nach seiner ersten Verhaftung 1996 wegen Drogen- und Waffenbesitzes und zahlreicher Inhaftierungen und Einweisungen in Entzugskliniken bis 2001 "der berühmteste Junkie Hollywoods", wie er sich selbst bezeichnete. Dreharbeiten mussten immer wieder unterbrochen werden – die Traumfabrik hatte ihn verloren geglaubt. Dann absolvierte der "Iron Man"-Star erfolgreich einen einjährigen Entzug. Wer ihn wachrüttelte und was ihn auch heute noch vor einem Rückfall bewahrt, erzählt er OK! am Set seines neuen Films „Der Solist“ (ab 10. Dezember im Kino).

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, als Sie einige Wochen unter Obdachlosen in Los Angeles verbrachten?

Es war eine wundervolle Lektion in Demut zur rechten Zeit. Vorher hatte ich lange auf Hawaii gedreht, eingelullt von Filmstars und klasse Catering. Und in diese Idylle kam der Regisseur von "Der Solist" und verlangte, dass ich für seinen Film jeden Tag in den Lagern der Ärmsten arbeite, von denen die Story handelt. Erst dachte ich: Alter, ich bin nicht von gestern, ich lese Zeitung und weiß alles über die Gesellschaft. Aber man weiß gar nichts, wenn man diese Lebensumstände nicht selbst erlebt.

Wussten die Obdachlosen, wer Sie sind?
Gleich am ersten Tag berichtete mir ein Junkie freudestrahlend, dass wir im gleichen Knast gesessen hätten. (lacht) Das Besondere an diesem Job war dann aber, dass die Grenzen zwischen uns allen völlig verschwanden. Die Zustände im Zentrum von Los Angeles sind so schlimm, dass den Betroffenen nichts anderes bleibt als Zusammenhalt. Es war, als wäre man bei Leuten in einem Kriegsgebiet zu Gast – wenn man da gemeinsam am Tisch sitzt, kommt die nackte menschliche Natur durch, man verbündet sich, sucht gegenseitige Nähe und lässt in meinem Fall das ganze Hollywood-Gehabe fallen. Jeden­falls: Hier ging es nicht um cooles Entertainment, sondern um das Lernen – was uns als Menschen ausmacht.

Was lernten Sie, was Sie vorher noch nicht über sich wussten?
Na ja, ich war damals bereits in Psychotherapie und ganz gut damit beschäftigt, die Dämonen meiner Vergangenheit besser zu verstehen. Da war mein Bedarf an Nabelschau gedeckt. Aber aus beruflicher Sicht lernte ich, mehr Objektivität an den Tag zu legen. Normalerweise habe ich wie ein Besessener nur meine Rolle im Kopf. Typisch für einen narzisstischen Schauspieler! (lacht) Doch hier übernahm ich als Teil unserer kleinen Film-Kommune alle möglichen Jobs, von der Essensausgabe bis hin zum Kulissenbau. Nie habe ich solchen Teamgeist erlebt – und staunte, dass es an einem Filmset unzählige Aspekte gibt, die interessanter sind als meine Nase vor der Kamera. Bis dahin dachte ich, ich wäre verloren, wenn ich mal einen ehrlichen Beruf ergreifen müsste. Jetzt aber bilde ich mir ein, zur Not als passabler Handwerker durchzukommen. (lacht)

Sie stehen seit zwei Jahren fast pausenlos vor der Kamera. Woher nehmen Sie die Energie?
Seltsam, genau darüber habe ich heute früh nachgedacht. Ein Urlaub ist nach "ron Man 2" dringend fällig. Doch insgeheim bin ich ganz froh, dass ich so beschäftigt bin. Nicht nur, weil mein Ego so groß ist, dass ich in jedem Film in jedem Kino auf der Welt zu sehen sein will. (lacht) Sondern weil Kontrollsysteme und geregelte Tagesabläufe gesund für mich sind. Freie Zeit ist gefährlich, dann kommen schnell Langeweile und dumme Gedanken auf. Ich will aber nicht mehr wie früher durchs Leben irren, mich eines Tages umschauen und sagen: Hoppla, das waren die 30er. Ich will jeden Tag bewusst wahrnehmen und sinnvoll erleben. Ich bin nur einmal 44 und kann jeden dieser tollen Jobs als Schauspieler nur einmal erleben.

Die Puste geht Ihnen bei dem Arbeitstempo wohl nie aus, oder?
Ab und zu streikt dummerweise der Körper, meinen letzten Geburtstag habe ich zum Beispiel schwer erkältet im Bett verbracht. Aber für die meiste Zeit brenne ich durch einen neuen Stoff, der mir endlose Power gibt. Nämlich Dankbarkeit dafür, dass ich das alles erleben darf und mich Hollywood oder Fans nicht längst zum Teufel gejagt haben.

Zu Beginn Ihres Comebacks sagten Sie, dass Freunde wie Tom Cruise oder Johnny Depp mehr verdienen. Haben Sie die Kollegen inzwischen eingeholt?
Meine Filme machen gutes Geld, also werde ich entsprechend belohnt und kann nicht klagen. Aber ganz ehrlich? Als ich das vor fünf Jahren sagte, hing ich noch dem Trugschluss nach, dass Geld oder der dadurch entstehende Einfluss irgendetwas ändern. Ich glaubte, äußere Umstände könnten helfen, dass ich mich innerlich okay fühle. Aber das war dummes Zeug. Der Mann, der das sagte, hat leider das Zeitliche gesegnet. Friede seiner Asche. (lacht)

Welchen Anteil hatte Ihre Ehefrau Susan, mit der Sie seit 2005 verheiratet sind, daran, dass Sie nach langen, exzessiven Jahren wie ein neuer Mensch wirken?
Sie hat mich gar nicht bewusst zu ändern versucht, aber eines Tages vor ein Ultimatum gestellt: Entweder reißt du das Ruder jetzt herum oder du bist mich los. Das hat gewirkt, glauben Sie mir. Denn ich weiß, dass sie und ich zusammen immer besser sind als ich allein oder ich mit jemand anderem. Wir sind uns im Laufe der Beziehung so nahe gekommen, dass es sich anfühlt wie bei einem 300 Jahre alten Pärchen. Ich sehe sie an und habe keinen Zweifel: Wir bleiben zusammen, bis ich eines fernen Tages entweder sie beerdige oder sie mich. Es sei denn, wir haben zusammen ­einen Unfall, dann muss wohl jemand anderes für uns die Schippe in die Hand nehmen.

Kann man behaupten, dass die Liebe Ihnen das Leben gerettet hat?
Wenn Sie es so kitschig formulieren wollen. (lacht) Aber es stimmt. Ohne sie wäre ich weder clean noch fokussierter denn je geworden. Susans Ultimatum war der Wendepunkt. Manchmal muss man lebensverändernde Entscheidungen treffen, die so tief greifen, dass sie unumkehrbar sind.

Geben Sie Ihre Erfahrungen an jüngere Schau­spieler weiter, bei denen Sie Anzeichen für den drohenden Absturz sehen?
Aber nein, ich bitte Sie! Die Rolle des wiedergeborenen Bekehrers liegt mir nicht. Ich bin inzwischen fanatischer Kampfsportler. Und die erste Regel der Martial-Arts-Tradition besagt, dass ein echter Krieger nie seine Möglichkeiten überschätzt. Ich könnte einem 20-jährigen Starlet den ganzen Tag in den Ohren liegen, aber am Abend wird das Mädchen dennoch Party machen, wenn das Teil ihrer Persönlichkeit ist. Ich kann nur dafür sorgen, dass die Seite meiner Straße sauber gekehrt ist und hoffen, dass sich das positiv auf andere auswirkt. Aber sobald ich mich auf eine Kiste stelle und Läuterung predige, bin ich in der Politik. Dann nehme ich mich eindeutig zu ernst, was der erste Schritt zurück Richtung Abgrund wäre. Tun Sie mir also einen Gefallen: Wenn ich jemals wie ein Prediger daherkomme, treten Sie mir bitte gewaltig in den Hintern!

Roland Huschke