Germany's Next Topmodel: So leiden die Kandidatinnen

Teilnehmer unter Druck

Nicht nur Heidi Klum verschärft die Regeln bei der nächsten "Germany’s Next Topmodel"-Staffel, auch bei "DSDS" müssen die Kandidatinnen leiden – und alles nur für die Quote.

Zickenkriege, Zusammenbrüche und ziemlich viel nackte Haut. Das ist die makabere Mischung für das Erfolgsrezept deutscher Casting-Formate. Weniger Ausnahmetalente als viel mehr unterhaltende Charaktere werden heute ins Rampenlicht katapultiert. "Es gibt Redaktionsmädchen und Modelmädchen“, sagt Ex-Juror Rolf Scheider, 54, über "Germany’s Next Topmodel“. "Gina-Lisa Lohfink war so ein Redak­tionsmädchen. Sie ist nur aufgrund ihrer ­Persönlichkeit weitergekommen. Hatte aber nie eine wirkliche Chance. Diese Mädchen haben ausschließlich eine dramaturgische Funktion – sie sind dazu da, die Sendung interessant zu machen“, erklärt er im Gespräch mit OK!. Ab 4. März spielt Heidi Klum, 36, in der fünften Staffel von "GNTM“ wieder mit den Hoffnungen solcher Mädchen. Und durch "neue Regeln“ erwartet der TV-Sender ProSieben Höchstquoten.

Statt "Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ heißt es dieses Jahr: "Wer ist die Dünnste?“. Konfektionsgröße 32 bis 34 ist jetzt ein Casting-Kriterium – sowie 1,75 Meter Mindestgröße. Damit die Couture nicht spannt, bedeutet das bei einem Durchschnittsgewicht von 53 Kilo auf 1,75 Meter einen Body-Mass-­Index (BMI) von 17! Gesundheitsunbedenklich wäre wenigstens 19. Zusammenbrüche als Folge des geforderten Sportprogramms auf leeren Magen werden so zum medienwirksamen Höhepunkt. Aus Heidis Model-Show wird die Mager-Show!

"Der Magerwahn geht echt zu weit“, resümiert Micaela Schäfer, 24 (90–63–93), die erste Modelaussteigerin aus der Debüt-Staffel. "Für die Fashion Week war ich zu dick! Diesen Modelzirkus mache ich nicht mehr mit.“ Sogar Dieter Bohlen, 56, wettert jetzt: "Heidis Mädchen sind klapprige Vogelscheuchen.“ Für seine "DSDS“-Manege bevorzugt er jedoch das gleiche Showkonzept: Schockieren für die Quote.

"Wenn du nichts kannst, zeig was du hast“, lautet das Motto des "Deutschland sucht den Superstar“-Jurors. In der siebten Episode der Talentsuche zählt vor allem eins: Show statt Gesang. "Du bist zwar nicht die beste Sängerin“, richtete er etwa beim Recall in der Karibik über Kandidatin Steffi Landerer, 19, "aber du hast zwei schlagende Argumente!“ Der Musikproduzent spricht dieses Jahr nicht mehr von Qualität, sondern vom "rein visuell bislang geilsten Casting“. Eingeölt und im knappen Bikini mussten die Mädchen am Strand der Dominikanischen Republik vor die Jury. Die Ansage: sommerlich sexy. Statt Pflicht zählt jetzt die Kür.

Sex und Skandale – damit lockt auch RTL Millionen Zuschauer vor den Fernseher. Die Sänger müssen nicht mehr singen können, sie müssen unterhalten! "'DSDS‘ finanziert sich über die Anrufer in den Mottoshows. Für Menschen wie mich ruft keiner an“, klagt die talentierte, doch leider zu farblose Ex-Kandidatin Meike Büttner, 27, dieser Tage öffentlich an. "Weil wir beim Recall in Schwetzingen allerdings grandios waren, schnitt man diese Auftritte raus, da unser Rauswurf sonst nicht plausibel wäre.“ Denn grandiose Auftritte sind Gift für die Show, in der Dieter Bohlen zum Teil Minderjährige fertigmacht: "Wisst ihr, was der Unterschied zwischen einem Eimer Sch**** und euch ist? Der Eimer!“

Sogar Jugendschutzbeauftragte haben gegen Publikums­magnet Bohlen keine Chance. "Was die Gage von Bohlen ins Unermessliche steigert, zerstört die heranreifende Persönlichkeit von jungen Menschen, die vor einem Millionenpublikum in ihrem Selbstwert vernichtet werden“, alarmiert Psychologin Dr. Alina Wilms im OK!-Gespräch. Doch das Publikum ist immer hautnah dabei – gerade bei Schock-Situationen.­ ­Kameras umschwirren leidende Teenager wie Motten das Licht: So geschehen, als die herzkranke Celine Denefleh,­ 17, nach einem Auftritt eine Herzattacke erlitt. Unregelmäßiger Herzschlag bei Stress kann für sie lebensbedrohlich sein.

Privatfernsehen mit Vorbildfunktion?­ Das verkauft sich eben nicht so gut wie etwa zwei Ex-Sträflinge vereint mit Minderjährigen in der "DSDS“-Villa, in der die Top-Ten-Kandidaten seit dieser Woche leben. Helmut Orosz, 30, saß wegen Steuerhinterziehung und Körperverletzung. Auch bei Bohlen-­Favorit Menowin Fröhlich, 22, klickten die Handschellen – wegen gefährlicher Körperverletzung. Nach seinem Hafturlaub 2006 flüchtete der Hartz-IV-Empfänger sogar und lebte bis Anfang 2009 im Untergrund. Seine Strafe hat er verbüßt. Aber ist die Bühne, zu der Tausende Heranwachsende hochblicken, der richtige Platz für einen Vorbestraften? "Wir suchen nicht die nächste Mutter Teresa!“, räumt Bohlen ein. Und was der Casting-König wünscht, bietet ihm der singende Hofstaat: Die unschuldige Abiturientin Steffi kündigt bereits an: "Wenn die mir hier eine Stange hinstellen, ziehe ich mich auch aus!“

Für einen kleinen Moment Ruhm tun die blutjungen Kandidaten alles. Auch Annemarie Eilfeld, 19, verkaufte für die letzte Staffel ihren Körper. "Zur Musik gehört Show. Sex peppt das Ganze auf“, tönte die damals gerade mal 18-Jährige. Sie schaffte es mit erotischen Auftritten bis ins Halbfinale. Ob sie das heute bereut, wollte sie auf Nachfrage von OK! nicht beantworten. Wahrscheinlich, weil sie dieses Kapitel nie mehr aufschlagen wollte …

Meike Rhoden