Haben Castingshows noch eine Zukunft?

Wer braucht so viele Superstars?

Deutschland im Castingwahn: In immer neuen Shows werden Talente, Topmodels
und Traumtänzer gesucht. Dabei wird’s den Zuschauern allmählich langweilig.

Schwache Einschaltquoten und profillose Sieger, die sofort nach Ende einer Staffel wieder in der Versenkung verschwinden. Es sieht ganz so aus, als hätten Castingshows ihren Zenit überschritten. Trotzdem schießen in Deutschland immer neue Sendun­gen aus dem Boden. Gerade floppt „Deutschlands beste Partyband“ bei Kabel eins und im Spätsommer startet die deutsche ­Version der Gesangsshow „X Factor“ (VOX). Auch etablierte TV-Formate wie „Das Super­talent“ (RTL) und „Popstars“ (ProSieben) gehen in die nächsten Runden. Wie soll man da den Überblick ­behalten?

Am 10. Juni wird wieder „Germany’s Next Topmodel“ gekürt. Bisher waren die Einschalt­quoten des fünften  Klum-Castings aber eher mager. Gerade mal 2,9 Mio. ­Zuschauer schalten durchschnittlich ein. Woran das liegt? „Die Sendung ist so massiv auf Heidi Klum konzentriert, dass langsam ein Abnutzungseffekt eintritt. Wenn sie zum 270. Mal am Ende der Show mit gleichem Gesichtsausdruck die Entscheidung verkündet, ist das nicht mehr überraschend“, erklärt Medienexperte Jo Groebel im Gespräch mit OK!.

Auch die Fans haben langsam genug von der TV-Modelsuche. So schreibt einer zum Beispiel im offiziellen „GNTM“-Internetforum: „Ich glaube, dass die Quoten fallen, weil bisher alle Aktionen, Challenges und Shootings irgendwie langweilig waren. Da war bisher nix wirklich Innovatives, Neues oder gar Spannendes dabei.“ Besonders Jurymitglied Qualid „Q“ Ladraa fiel bei Fans und Kritikern früh in Ungnade: „zu blass“ oder „inkompetent“ lauteten die Urteile über den 27-Jährigen. „So saft- und kraftlos wie dieser ,Q‘ agiert, kann das ja nichts werden. Eine gute Jury ist die halbe Miete für die Show!“, weiß auch Ex-Juror Rolf Scheider. Gerüchte, dass „Q“ bereits vor Staffelende ersetzt werde, dementiert ProSieben-Sprecherin Petra Dandl allerdings aufs Energischste: „Das ist absoluter Unsinn!“ So werde „Q“ definitiv bis zum Finale der Staffel der Show erhalten bleiben. Wie es im nächsten Jahr weitergeht, ist allerdings unklar.

Doch nicht nur „GNTM“ steckt in ­einem Kreativ-Tief. Auch bei den ­anderen Castingshows sind Ermüdungs­erscheinungen erkennbar: So gewann Mehrzad ­Marashi zwar die siebte „Deutschland sucht den Superstar“-Staffel und stieg mit seiner ersten Single „Don’t Believe“ auf Platz eins der deutschen Charts ein. Doch schon in der zweiten Woche stürzte der Song ab.  Und wer erinnert sich noch an die letzten „Popstars“-Sieger Some & Any? Eben.

Aber warum lange trauern? Schließlich gehen schon bald wieder die nächsten TV-Wettbewerbe an den Start. Nur: Je mehr Castingshows es gibt, desto mehr teilt sich eben auch die Aufmerksamkeit der potenziellen Fans auf. Jo Groebel ist sich sicher: „Die Begeisterungsfähigkeit des Zuschauers ist begrenzt. Ich gehe davon aus, dass man zeitgleich nicht bei mehr als zwei Formaten mitfiebern kann.“  

Thomas Kielhorn