Sarah Heinrichs Tagebuch veröffentlicht - das traurige Leben des Kuppelshow-Gespötts

Journalistin: Martyrium der "Schwer verliebt"-Kandidatin begann im Kindergarten und endete mit Folter-Tod

Kaum ein Gerichtsprozess erregt derzeit mehr die Öffentlichkeit als der um Ex-Kuppelshow-Kandidatin Sarah Heinrich (†32) und ihren Peiniger Axel G., 51. Dafür, dass der Angeklagte die 32-Jährige so heftig auspeitschte, dass sie im Sommer letzten Jahres an den Folgen starb, muss er mindestens drei Jahre ins Gefängnis. Doch der Folter-Tod der gelernten Hauswirtschafterin ist nur das grausame Ende eines Martyriums, das bereits im Kindergarten begann. 

Sarah Heinrich: "Mir wurde ein Stoffbeutel über den Kopf gedrückt"

Die "Rhein Zeitungs"-Journalistin Vera Müller lernte Sarah Heinrich kennen, als diese 2011 in der Kuppelshow "Schwer verliebt" für Aufsehen sorgte. Die übergewichtige Kandidatin wurde vor den Augen von drei Millionen Zuschauern als bemitleidenswerter Barbie-Fan portraitiert, der noch bei seinen Eltern und gleichzeitig in einer Scheinwelt wohnt. Müller legte damals offen, wie die Kuppelshow-Kandidaten ausgebeutet werden - und das lange vor Jan Böhmermanns genialem Schachzug mit einem eingeschleustem Fake-Kandidaten bei "Schwiegertochter gesucht"

Sarah H. vertraute Müller 2012 ihr Tagebuch an. Stern.de hat anlässlich des Prozessbeginns mit der Redakteurin gesprochen und zitiert aus den persönlichen Einträgen der Toten, die offenbaren, welch langer Leidensweg hinter ihr liegt. So wurde die Verstorbene bereits im frühen Kindesalter gemobbt und schikaniert.

Schon im Kindergarten wird die Tochter einer Supermarkt-Angestellten von den anderen Kindern gemieden, von der Realschule in Idar-Oberstein wechselt sie zur Hauptschule, um weniger gemobbt zu werden. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Dort ging’s noch 'ne Ecke brutaler zu. Ich wurde in der Pause im Klo festgehalten von ca. 25 bis 40 Mädchen … Mir wurde ein Stoffbeutel über den Kopf gestülpt und nach unten zugedrückt, dass ich fast erstickt wäre. Regelmäßig gab es Verfolgungs-Hetzjagden ... Hinter mir 10 bis 30 Schüler. 

"Bin nur hier, weil ich noch keinen Mann fand, der mich 5 Minuten am Stück ertragen kann"

Ihren Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass sie sich hilflos und alleingelassen fühlt, von den Lehrern und von ihren Eltern. Doch auch nach der Schule wird es nicht besser für Heinrich. Sie zieht in ein christliches Jugendheim und macht eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin. Eine Mitschülerin ohrfeigt sie: "50 bis 70 Mal. Ich konnte mich gar nicht zur Wehr setzen." 20 Kilo habe Sarah damals zugenommen. Nach der Ausbildung findet sie keinen Job und zieht zurück zu den Eltern nach Fischbach, wohnt in einem kalten Haus, da die Kosten für die Heizung nicht mehr bezahlt werden können, arbeitet für 700 Euro netto im selben Supermarkt wie ihre Mutter und räumt Regale ein. Sarah zieht ein erschütterndes Fazit:

Seit ich denken kann, will ich hier weg. Weit, weit weg. Bin nur hier, weil ich noch keinen Mann fand, der mich 5 Minuten am Stück ertragen kann/konnte.

Doch der Tiefpunkt ist immer noch nicht erreicht, denn durch die Teilnahme bei "Schwer verliebt" beginnt ein noch schlimmeres Kapitel im Leben der jungen Frau. Auf der Straße wird sie ausgelacht, ihr Leben wird zum Spießrutenlauf. Sogar Stefan Raab witzelt bei "TV Total": "Wenn ich bei ihr übernachten müsste, ich würde auf jeden Fall Wert darauf legen, dass das Zimmer von innen abschließbar ist." Im Ort gibt es ein Public Viewing, nach der Sendung ziehen die Leute grölend aus der Kneipe zu ihrem Haus und klingeln nachts um drei an ihrer Tür. 

"Ohne Liebe geh' ich tot"

Trotzdem gibt Sarah Heinrich nicht auf, schreibt in ihr Tagebuch:  "Meinen unerschütterlichen Glauben an die einzig wahre Liebe, die ein Leben lang hält, wollten sie mir rauben. Doch den Glauben an die Liebe können sie mir nicht nehmen. Niemals. Ohne Liebe geh’ ich tot. Ohne Liebe, kein Leben." Dann hört sie auf mit den Einträgen, schreibt nur noch: "Das Leben an sich ist krass und mein Leben ist endkrass brutal mörder shit. Das war's bis hierher. Fortsetzung folgt."  

Nach dem Tod ihrer Mutter lernt die Ex-Kuppelshow-Kandidatin im Januar 2015 Axel G. kennen.  

Der Axel ist der Einzige, der es wirklich ernst mit mir meint,

teilt sie einer Facebook-Freundin mit. Dieser ist gerade von seiner Frau verlassen worden, kommt aus der Psychiatrie. Er hatte Benzin und Wasser in den Keller geleitet, wollte offenbar das Haus in die Luft jagen. Trotzdem sehen die zuständigen Ärzte in ihm nach einigen Wochen keine Gefahr mehr für sich oder andere. Eine fatale Fehleinschätzung, wie der Fall Sarah Heinrich zeigt.

Prozess gegen Axel G. wegen Körperverletzung mit Todesfolge

Ihre verweste Leiche wurde Anfang August im verdreckten Haus des Angeklagten gefunden. Ein Gerichtssprecher des Landgerichts Neubrandenburg bestätigte OKmag.de, dass Sarah H. ans Bett gefesselt und mit Peitschenhieben gefoltert wurde, bis sie an den Folgen starb. Dennoch wird nicht wegen Mordes verhandelt, sondern wegen Körperverletzung mit Todesfolge, da Axel G. den Tod seines Opfers nicht beabsichtigt habe. Der "Bild" zufolge hatte er Sarah bestrafen wollen, da er sie für eine Spionin des Bundesnachrichtendienstes hielt.