Ein weißes Hemd, eine schmale Hose, Lederschuhe und Sakko - so sah der klassische Herrenanzug lange aus. Wer gemeinsam mit dem Partner nach einem neuen Zweiteiler sucht, muss sich an diesen alten Dresscode heute aber nicht mehr klammern.
Die Frage, wofür der Anzug gebraucht wird und worin er sich selbst wohlfühlt, ist viel bedeutender: Hochzeit und Bewerbungsgespräch verlangen etwas anderes als Dinner, Date oder Geburtstagsfeier. Hosen dürfen jetzt ruhig weiter ausfallen, Sakkos weicher sein und unter dem Blazer sitzt auch mal einfach ein T-Shirt oder feiner Strick. Die Krawatte kann zu Hause bleiben, ohne dass der ganze Look dabei unfertig wirkt.
Der Anzug macht sich locker
Auf roten Teppichen kann man das schon länger beobachten: Cillian Murphy erschien Anfang 2026 zur Londoner Premiere von "28 Years Later: The Bone Temple" etwa in einem grauen Zweireiher mit weicherer Linie und schwarzem Rollkragen. Kein klassisches Hemd, keine Krawatte, kein steifer Business-Auftritt.
Noch entspannter ging es beim Laver Cup zu. Tennisstars wie Carlos Alcaraz und Alexander Zverev standen für ein Fashion-Shooting in Anzügen in Braun-, Beige- und anderen gedeckten Tönen vor der Kamera.
Sehr schmale Hosen und eng anliegende Sakkos sind zwar nicht verschwunden, bekommen aber ordentlich Konkurrenz. Wer beim Aussuchen mitentscheidet, sollte deshalb nicht automatisch zur schmalsten Variante greifen. Relaxed Fits geben der Hose mehr Raum, Zweireiher sitzen lockerer und selbst klassische Schnitte müssen nicht mehr aussehen, als wären sie direkt am Körper festgenäht. Online-Shops wie Selected bieten Herren Anzüge in klassischen, moderneren und deutlich lässigeren Varianten. Neben dunklen Zweiteilern stehen hellere Farben, weichere Schnitte und Looks, die weniger nach Büro und mehr nach Dinner, Event oder Abend in der Stadt aussehen.
Sakko an, Krawatte liegenlassen
Das, was unter dem Sakko sitzt, macht viel aus. Ein weißes T-Shirt nimmt einem dunklen Sakko sofort etwas Strenge, feiner Strick macht den Look weicher und ein offenes Hemd liegt irgendwo dazwischen.
Oft reicht sogar das Sakko allein. Mit T-Shirt und gerader Jeans ist man schnell weit weg vom klassischen Business-Look. Im Herbst kann ein dünner Rollkragen oder Strickpullover darunter sitzen.
Mit den Schuhen kippt der Look noch einmal in eine andere Richtung. Sneaker machen das Ganze lockerer, Loafer etwas angezogener, klassische Lederschuhe formeller. Das ist praktisch an Tagen, die morgens mit einem Termin anfangen und abends beim Essen oder auf einem Event enden.
Farbe muss ebenfalls nicht bei Schwarz und Navy aufhören: Braun zu Schwarz, Beige zu dunkler Jeans, Grau über Creme oder Dunkelgrün mit weißem Shirt.
Mehr Stoff, aber bitte mit Absicht
Locker darf es sein, nach falscher Größe sollte es trotzdem nicht aussehen.
Gerade beim gemeinsamen Anprobieren lässt sich das schnell erkennen. Hängt das Sakko weit über die Schultern oder verschwinden die Hände fast komplett in den Ärmeln, ist der Punkt überschritten.
Relaxed Fit soll mehr Raum geben. Schlampig soll der Anzug deshalb noch lange nicht wirken.
Bei der Hose darf deutlich mehr Stoff mitspielen. Ein weiteres Bein, etwas mehr Länge und ein weicher Fall verändern den gesamten Anzug. Die sehr schmale Knöchelhose, die kaum noch den Schuh berührt, wirkt daneben schnell wesentlich strenger.
Manchmal bemerkt man den Unterschied erst, wenn man ein paar Schritte geht. Eine gut geschnittene weitere Hose bewegt sich mit und fällt sauber, statt am Bein zu kleben oder steif stehen zu bleiben.
Beim Sakko gilt Ähnliches. Es darf lockerer sitzen, sollte an Schulter und Kragen aber trotzdem ordentlich liegen. Weich ist gut. Sackartig eher nicht.
Beim Stoff wird der Unterschied noch deutlicher. Leinen macht es im Sommer leicht, weil es ohnehin etwas knittert, Bewegung mitbringt und nie so glatt und streng aussieht wie ein klassischer Businessstoff. Zu Sommerhochzeiten, Dinnern an der frischen Luft oder Veranstaltungen am frühen Abend passen helle Varianten in Beige, Sand oder Creme.
Wollmischungen gehen in eine andere Richtung. Sie fallen oft ruhiger und sehen etwas angezogener aus. Im Herbst darf das Material gern kräftiger werden, während Stretch vor allem dann angenehm ist, wenn der Anzug einen langen Tag und später vielleicht noch einen Abend mitmachen soll.
Wer als Frau beim Anprobieren danebensteht und schnell einschätzen will, ob der Anzug wirklich passt, kann sich an vier Dingen orientieren:
Schulter: Das Sakko darf locker sitzen, sollte aber nicht weit über die natürliche Schulter hinausreichen.
Hose: Mehr Weite ist erlaubt. Wichtig ist, dass der Stoff fällt und nicht einfach nur irgendwo hängt.
Material: Leinen wirkt leichter, Wollmischungen angezogener, Stretch bringt mehr Bewegungsfreiheit.
Farbe: Schwarz und Dunkelblau bleiben sicher, Braun, Taupe, Beige, Creme oder Oliv machen den Look weicher und etwas weniger büromäßig.
Dafür muss niemand gleich den halben Kleiderschrank austauschen oder morgen im cremefarbenen Zweireiher auftauchen.
Ein braunes Sakko zu schwarzer Hose reicht schon, um aus der üblichen Schwarz-Navy-Routine rauszukommen. Eine graue Hose mit etwas mehr Weite kann mit hellem Strick ganz anders aussehen als mit Hemd und Lederschuhen.
Etwas Struktur im Stoff verändert ebenfalls einiges. Sehr glatte Stoffe wirken meist klassischer, etwas gröberes Gewebe in Braun oder Grau nimmt dem Anzug schnell etwas von diesem makellosen Bürogefühl. Es muss deshalb nicht gleich Tweed sein. Ein bisschen Oberfläche reicht oft schon.
So muss der Zweiteiler nicht mehr 11 Monate im Schrank auf die nächste Hochzeit warten. Mit etwas mehr Weite, einem anderen Stoff oder einer weniger klassischen Farbe kommt er auch an ganz normalen Tagen raus.
Sneaker, Loafer oder Leder?
Ein Zweiteiler kann mit anderen Schuhen sofort eine neue Richtung bekommen. Weiße Sneaker machen ihn alltagstauglicher, Loafer halten ihn zwischen locker und angezogen, klassische Lederschuhe bringen mehr Förmlichkeit zurück.
Im Herbst passen auch Chelsea Boots gut unter eine etwas weitere Stoffhose. Schwieriger wird es eher bei der alten Kombination aus sehr schmaler Hose, spitzem Lederschuh und engem Sakko. Ein bisschen mehr Luft sieht heute meist besser aus.
Hochzeit, Bewerbung oder Date: Welcher Anzug passt wann zu ihm?
Der Anlass gibt den Ton vor.
Bei einem Bewerbungsgespräch darf es klassischer sein, bei einer lockeren Sommerhochzeit reichen oft heller Anzug, offenes Hemd und Loafer. Beim Dinner kann es entspannter werden, beim Date sogar nur das Sakko.
Wer seinen Partner bei der Auswahl berät, muss also nicht nach dem einen Anzug suchen, der immer gleich getragen wird. Viel sinnvoller ist ein Zweiteiler, der sich mit Hemd, Shirt, Schuhen und ein paar kleinen Änderungen an verschiedene Anlässe anpassen lässt.
Ein paar Twists reichen: Hemd offen, Schuhe wechseln, Krawatte weg und der Rest kann bleiben.




