
Natascha Kampusch: "Hab in dem Moment mit meinem Leben abgeschlossen"
Am Morgen des 2. März 1998 streiten sich Natascha Kampusch (38) und ihre Mutter. Deshalb macht sich die damals Zehnjährige um kurz nach sieben Uhr allein von ihrer Wohnung in Wien-Donaustadt auf den Schulweg. Später sollte sich Natascha erinnern: "Meine Mutter hat immer gesagt, wir gehen nie böse auseinander, weil, es könnte ja einem von uns beiden etwas passieren und dann sehen wir uns nie wieder und da soll man sich vorher vertragen – und dann ist es eben passiert." Schon von weitem sieht sie einen Mann neben einem weißen Kastenwagen stehen, will eigentlich noch die Straßenseite wechseln. Als sie an Wolfgang Priklopil (†44) vorbeiläuft, schnappt er das Mädchen und zwingt es in sein Auto. "Ich versuchte, zu schreien, aber es kam einfach kein Laut. Ich wusste nicht, was jetzt mit mir passiert. ich hab in dem Moment eigentlich mit meinem Leben abgeschlossen", so Natascha. Er fährt mit ihr bis zu seinem Haus, unter dessen Garage er ein Versteck vorbereitet hat: fünf Quadratmeter klein, mit Klo und Waschbecken und Lüftungssystem.
"Sie ist wieder in einer Art Gefangenschaft"
Während Natascha in ihrem Verließ nicht weiß, ob gerade Tag oder Nacht ist, startet die Polizei draußen eine riesige Suchaktion. Mehr als 1000 weiße Kastenwagen werden kontrolliert, darunter auch der von Priklopil. Der alleinstehende Mann gibt an, das Fahrzeug für Bauarbeiten zu brauchen; die Beamten finden Bauschutt darin und stufen Priklopil als unverdächtig ein. Selbst als ein anonymer Hinweisgeber die Ermittler erneut auf ihn als möglichen Täter aufmerksam macht, verfolgen sie die Spur nicht weiter. Natascha Kampusch hingegen kennt den Namen ihres Entführers lange nicht, muss ihn mit "Mein Gebieter" ansprechen. Nach einem halben Jahr darf sie erstmals hoch ins Wohnhaus, später auch in den verriegelten Garten. Priklopil hält sie wie eine Sklavin. Er kontrolliert alles: wann und was sie isst, wann sie spricht, wann sie sich bewegt. Er droht ihr, sie zu töten oder ihrer Familie etwas anzutun, sollte sie versuchen, zu fliehen. Er misshandelt sie, schneidet ihr eine Glatze. Angst wird zu Nataschas ständigem Begleiter. Ab und an versucht sie, am Fenster auf sich aufmerksam zu machen, die Polizei zu rufen:
Dann hat er mich brutal gepackt und gewürgt und geschlagen,
erzählt sie. Sie überlegt, wie sie sich das Leben nehmen könnte: "Aber eine Art Kampfgeist hat mich am Leben erhalten." Nach endlosen 3069 Tagen Gefangenschaft ergibt sich schließlich eine Fluchtgelegenheit: Am 23. August 2006 ist Priklopil am Telefon und abgelenkt. Die junge Österreicherin entscheidet sich, alles zu riskieren und davonzulaufen: "Ich wusste, wenn ich es jetzt nicht tue, werde ich es vielleicht nie schaffen." Eine Nachbarin alarmiert schließlich die Polizei. Am selben Abend nimmt Priklopil sich das Leben. Die Frage, warum er all das getan hat, warum er es ausgerechnet Natascha angetan hat, nimmt er mit ins Grab. Und so frei wie Natascha nach ihrer Flucht vor fast 20 Jahren war, so gefangen ist sie heute wieder. Das zumindest sagt ihre Schwester Claudia Nestelberger. Von der Natascha, die einst stark und mutig vor TV-Kameras sprach, ist heute nicht mehr viel übrig: "Sie ist meist in einer eigenen Welt. Sie ist wieder in einer Art Gefangenschaft. Es ist herzzerreißend und wir fühlen uns hilflos."
Noch mehr Panorama-Themen und Co. findest du in der aktuellen IN – jeden zweiten Mittwoch neu am Kiosk erhältlich!
Text von Julia Liebing
Verwendete Quellen: IN






