
Dschungelcamp 2026 unter dem Motto "Vergeben und vergessen"
Gil Ofarim ist Dschungelkönig 2026. Gewählt von einem Millionenpublikum, gefeiert in den sozialen Medien, belohnt mit einer Krone, 100.000 Euro Preisgeld und einer Erzählung, die perfekt aufgegangen ist. Und genau das macht mich ehrlich gesagt sprachlos. Dass im Reality-TV moralische Grenzen flexibel sind und sich schnell zwei Lager bilden, wissen wir alle längst. Wir kennen das Spiel: Sendezeit ist die Währung, Diskussionen auf Instagram und TikTok sind der Treibstoff und wenn es dann noch eine öffentliche Kontroverse gibt, ist das Theater perfekt – frei nach dem Motto: "Auch schlechte PR ist PR." Aber bei dieser Staffel des Dschungelcamps frage ich mich ernsthaft, bis zu welchem Punkt man bereit ist, alles zu relativieren, nur, weil die Geschichte funktioniert.
Im Frühjahr letzten Jahres gab es erstmals Gerüchte darüber, dass Gil Ofarim ins Dschungelcamp ziehen wird. Mein erster Gedanke: "DAS KANN RTL NICHT MACHEN!" Immerhin hatte der Sänger, der einst als Teeniestar berühmt geworden war, über zwei Jahre lang seine Lüge, ein Leipziger Hotelmitarbeiter hätte ihn im Herbst 2021 aufgrund seiner Davidsternkette antisemitisch diskriminiert, aufrechterhalten, sie in diversen Shows und Medien breit getreten und war in der Zeit quasi zur Symbolfigur gegen Antisemitismus geworden - nur, um dann vor Gericht in drei kurzen Sätzen zuzugeben, gelogen zu haben. Nach zwei Jahren, in denen das Leben des Hotelmitarbeiters in Scherben lag. Nach diesem Geständnis wurde das Verfahren damals eingestellt. Gil Ofarim tauchte zunächst ab, um sich 2024 mit einem Video wieder wieder zurückzumelden - ohne echte Erklärung, ohne klare Entschuldigung, aber mit dem Versprechen, Verantwortung übernehmen zu wollen. Mittlerweile ist mir klar: Offenbar habe ich ein anderes Verständnis davon, was es heißt, Verantwortung zu tragen und Reue zu zeigen. Aber dazu später mehr. Als der Dschungel-Cast Ende 2025 offiziell bekannt wurde, folgte ein Shitstorm für RTL. Sätze wie "Wir boykottieren das Dschungelcamp", "Gil Ofarim ist nicht tragbar"und "RTL sollte sich schämen" waren zu Hauf in den sozialen Medien zu lesen.
Und jetzt? Ja .. Was ist jetzt? Vergeben und vergessen trifft es hier wohl ganz gut. Genau genommen hat mich das Dschungelcamp in den letzten Tagen in eine Lebenskrise über die Werte und Moralvorstellungen unserer Gesellschaft gestürzt. Denn: Zwei Wochen saß Gil Ofarim im australischen Dschungel, präsentierte sich zurückhaltend, höflich und wirkte dabei manchmal fast unterwürfig. Melodramatisch und leicht theatralisch erklärte er in sachlichem und ruhigen Ton wieder und wieder, dass er wegen einer Verschwiegenheitsevereinbarung nicht über das besagte Thema, zu dem alle Antworten wollten, reden dürfe, wenn er von seiner Dschungel-Kollegin Ariel mal wieder mit seiner unschönen Vergangenheit konfrontiert wurde. Ariel wurde wegen ihrer verbalen "Attacken" auf Social Media übrigens als "unerträglich", "furchtbar" und "zu laut" betitelt. RTL sollte sie aus dem Dschungelcamp holen, weil sie Mobbing gegen Gil Ofarim betrieben hätte, denn schließlich müsse "es auch irgendwann mal gut sein", "Jeder hat doch schon mal einen Fehler gemacht" und "er hat ja niemandem umgebracht".
"Was für mich eine wichtige Voraussetzung für eine zweite Chance ist: Verantwortung zu tragen und sich aufrichtig zu entschuldigen"
Ich bin wirklich die letzte Person, die Menschen keine zweite Chance gibt - im Gegenteil: Ich bin der Inbegriff davon, an Menschen festzuhalten. Was für mich aber eine wichtige Voraussetzung für ein zweite Chance ist: Verantwortung zu tragen, zu reflektieren, Reue zu zeigen und sich aufrichtig zu entschuldigen, wenn man eben wirklich Scheiße gebaut hat - und das nicht nur bei den Leipzigern und ganz Sachsen und vor allem nicht nur, weil man unbequem im TV vor ganz Deutschland damit konfrontiert wird. Natürlich kann man sagen, Gil Ofarim habe ja "nur" gelogen - sogar Sonja Zietlow erklärte bereits, dass es schon weitaus schlimmere Kandidaten im Dschungel gegeben hätte. Und ja, das mag vielleicht im gewissem Maße auch stimmen. Aber Gil Ofarims "Lüge" hat vielleicht eine Existenz gefährdet und was das psychisch bedeutet, kann ich mir nur ausmalen. Und mir geht es hier nicht um die sogenannte "Cancel Culture" oder dass ich möchte, dass ein Mensch für immer auf seinen Fehler reduziert wird, sondern darum, wie dieser Mensch mit genau diesem Fehler umgeht. Besonders absurd ist für mich ein Satz, den Gil Ofarim selbst im Camp sagte: Er könne sich noch so oft entschuldigen, es würde ohnehin nie genug sein. Aber ganz ehrlich: Wie wäre es denn für den Anfang mit einem Versuch? Mit einer echten, klaren, unmissverständlichen Entschuldigung. Ohne Ausflüchte, ohne Verschwiegenheitsklauseln, ohne das ewige "Ich darf darüber nicht sprechen" oder kryptischer Andeutungen dazu, dass beim Überwachungsvideo einige Sekunden fehlten. Was schon viele vor mir sagten: Eine Verschwiegenheitsvereinbarung untersagt bestimmt nicht, Reue zu zeigen. Oder sich zu entschuldigen. Zu dem zu stehen, was war, statt mysteriöser Andeutungen und Sätzen wie: "Auch ich will 'ne Antwort. Vom deutschen Justizsystem." Verantwortung zu übernehmen heißt nicht, möglichst wenig zu sagen - sondern das Richtige zu sagen. Und zwar aus eigenem Willen.
"Gil Ofarim selbst hat dieses Thema öffentlich gemacht. Und man kann nicht plötzlich schweigen, wenn es ungemütlich wird"
Natürlich kann man sich an dieser Stelle fragen: Ist das Dschungelcamp überhaupt der richtige Ort, um ein so Thema noch einmal aufzurollen? Und wer bin eigentlich ich, eine öffentliche Entschuldigung einzufordern? Die Antwort ist unangenehm einfach: Gil Ofarim selbst hat dieses Thema öffentlich gemacht. Er war es, der 2021 ein Video auf Instagram veröffentlichte, das sich in Windeseile verbreitete. Er war es, der in Talkshows saß, Interviews gab, seine Version der Geschichte erzählte und damit nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die eines Hotelmitarbeiters erzählte, der plötzlich als Antisemit gebrandmarkt wurde. Wer Öffentlichkeit sucht, kann in meinen Augen dann nicht plötzlich schweigen, wenn es ungemütlich wird. Und ja: Auch ich habe mich beim Schauen des Dschungelcamps dabei erwischt, wie ich zwischenzeitlich dachte: "Ach Mensch, jetzt reicht es doch mal", wenn Gil Ofarim in Gesprächen mit Stephen Dürr oder Hardy Krüger jr. zu dem Thema ganz kleinlaut wirkte oder wenn Ariel ihn "schon wieder mit derselben Leier" konfrontierte. Gesellschaftliches Vergessen und Verzeihen funktioniert eben erschreckend schnell.
Und dann ist da noch RTL. Ein Sender, der 2024 noch öffentlich erklärte, man plane keine Unterhaltungsformate mit Gil Ofarim, als erstmals Dschungelcamp-Gerüchte durch die Medien gingen. Und der ihm nun eine der größten Bühnen des Landes gegeben hat - inklusive unkommentierter Aussagen, fehlender Einordnung und einer Erzählung, die perfekt funktioniert: Gil Ofarim als stiller Kämpfer auf Heldenreise. Ariel hingegen als als nervige Antagonistin. Natürlich wissen die Verantwortlichen, was sie tun. Natürlich ist man sich der Kontroverse bewusst. Und allem Anschein nach nahm man sie billigend in Kauf - denn Empörung und Diskussion bringen Quote - und die des Dschungelcamps waren in diesem Jahr die besten nach sechs Jahren! Was macht da schon "das bisschen Kritik"? Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass es für einige wie Doppelmoral wirkt, wenn ein News-Portal, das selbst regelmäßig über das Dschungelcamp und Gil Ofarim berichtet, nun so scharfe Kritik übt. Aber genau deshalb muss man es sagen: Berichten heißt nicht, alles unkommentiert stehen zu lassen. Wer als Medium berichtet, trägt Verantwortung dafür, wie Geschichten gelesen, gefühlt und erinnert werden. Berichterstattung ist dabei nie völlig neutral, weil Auswahl, Gewichtung und Kontext immer mitentscheiden, welche Themen sich durchsetzen. Genau deshalb endet journalistische Verantwortung nicht beim Abbilden von Ereignissen. Dass ich mich hier nun so kritisch äußerte, ist für mich kein Widerspruch zu unserer Berichterstattung, sondern eine, in meinen Augen, sehr notwendige Ergänzung.
Und jetzt hat Gil Ofarim wirklich gewonnen, er ist Dschungelkönig 2026. "Team Gil", "Er ist so stark" oder "Er hat es so verdient" ist auf Instagram und Co. vielfach zu lesen, in Umfragen auf OKmag.de lag er ebenfalls meist weit vorne. Und unter rein formalen Reality-TV-Gesichtspunkten hätte er diesen Sieg vielleicht sogar "verdient". Er war im Camp hilfsbereit, höflich, korrekt. Er hat Prüfungen abgeliefert, sich nicht danebenbenommen, war nie ausfallend. Aber: Moral lässt sich meiner Meinung nach nicht vom Kontext trennen. Man kann sein Verhalten im Dschungelcamp nicht losgelöst von dem betrachten, was davor passiert ist - vor allem dann nicht, wenn dieses "Davor" bis heute so viele offene Fragen lässt.
Was mich also wütend macht, ist dabei nicht mal Gil Ofarim. Es ist eine Gesellschaft, die schneller verzeiht als zuhört. Ein Fernsehen, das Skandale recycelt, bis sie weichgespült sind. Und ein kollektives Schulterzucken nach dem Motto: "Es ist doch jetzt auch mal gut." Nein. Ist es nicht. Solange Verantwortung wie eine lästige Pflicht behandelt wird und nicht wie das, was sie ist - eine Grundvoraussetzung für zweite Chancen - ist gar nichts gut. Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, ob Gil Ofarim die Dschungelkrone "verdient" hat. Vielleicht geht es darum, dass wir uns fragen sollten, was es über uns aussagt, dass er sie bekommen hat. Denn wenn ein Mensch, dessen Handeln in der Vergangenheit wahrscheinlich gravierende Konsequenzen für einen anderen hatte, heute wieder als Held gefeiert wird, dann ist das weniger ein Problem des Einzelnen, sondern vielleicht auch eines der Gesellschaft.
Die Krone steht für Unterhaltung, für eine Art von "alles ist möglich". Aber seit Gil Ofarims Sieg steht sie aus meiner Sicht für etwas anderes: für kollektives Vergessen, für fehlende Einordnung und mangelnde Verantwortung. Dass es so einfach ist, Dinge zu relativieren und über Fehler hinwegzusehen, solange das "Drumherum" passt, sollte uns vielleicht mehr Angst machen als jede Dschungelprüfung.






